Warum dein Leben weder links noch rechts stattfindet

…oder warum ich plötzlich festgestellt habe, dass ich mein ganzes Leben in der Mitte verbringe.
Aso… aso… es isch eso…
…ich habe philosophiert.
Nicht absichtlich.
Das passiert manchmal.
Zudem, ich habe ja ein angefangenes (ganze vier Minuten langes) philosophisches Philosophie-Studium mit angewandter Philosophie.
Ich sass eigentlich nur in meinem Sessel.
Links - also von euch aus gesehen - von mir stand mein Schafuccino.
Rechts - wieder von euch aus - von mir die Dose mit den Karottenkeksen.
Vor mir lag das Buch "InMittenLand".
Eigentlich eine ziemlich gute Ausgangslage fürs Leben.
Schafuccino links.
Karottenkekse rechts.
Ich in der Mitte mit einem Buch.
Mehr braucht ein Schaf im Grunde nicht.
Dachte ich.
Bis ich an einer Stelle hängen blieb.
Da stand im Buch sinngemäss, dass Schafe und Menschen wohl auch - zwischen zwei Seiten leben.
Auf der einen Seite liegt unsere Vergangenheit.
Sie zieht an uns.
Auf der anderen Seite liegt unsere Zukunft.
Sie ruft nach uns.
Und wir?
Wir stehen dazwischen.
In der Mitte.
Ich habe das Buch kurz zugemacht.
Dann habe ich nach links geschaut.
Vergangenheit.
Dann nach rechts.
Zukunft.
Dann wieder nach links.
Vergangenheit.
Dann wieder nach rechts.
Zukunft.
Das habe ich ungefähr siebenmal gemacht.
Hilde kam vorbei.
Sie blieb stehen.
"Was machst du?"
"Ich überprüfe mein Leben."
Hilde schaute mich an.
Dann auf meinen Schafuccino.
Dann auf die Karottenkekse.
"Und?"
"Es ist komplizierter als gedacht."
Sie ging weiter.
Ich habe nochmals nach links geschaut.
Dort liegt also alles, was bereits passiert ist.
Die schönen Dinge.
Die weniger schönen.
Menschen, die wir getroffen haben.
Menschen, die wir verloren haben.
Entscheidungen, die richtig waren.
Und solche, bei denen wir heute denken:
Du meine Güte.
Dort liegen Erfolge.
Enttäuschungen.
Verletzungen.
Fehler.
Erfahrungen.
Und all die Dinge, aus denen irgendwann Sätze entstanden sind wie:
"Das kann ich nicht."
"So bin ich eben."
"Das hat schon einmal nicht funktioniert."
"Das passiert mir bestimmt wieder."
Die Vergangenheit ist erstaunlich.
Sie ist längst vorbei.
Und trotzdem kann sie unglaublich kräftig ziehen.
Ich schaute nach rechts.
Dort war die Zukunft.
Noch völlig leer eigentlich.
Und trotzdem war dort bereits erstaunlich viel los.
Was wird passieren?
Was, wenn es schiefgeht?
Was, wenn ich krank werde?
Was, wenn ich etwas verliere?
Was möchte ich noch erreichen?
Was sollte ich endlich tun?
Was muss ich unbedingt verhindern?
Die Zukunft kann nämlich etwas ziemlich Verrücktes:
Sie kann uns Angst vor Dingen machen, die noch gar nicht passiert sind.
Sie kann uns aber auch freudig und hoffnungsvoll werden lassen.
Ich schaute wieder nach links.
Dann nach rechts.
Und plötzlich fiel mir etwas auf.
Etwas, das eigentlich völlig offensichtlich ist.
Und das ich trotzdem noch nie so klar gesehen hatte.
Ich konnte nach links schauen.
Ich konnte nach rechts schauen.
Aber ich sass immer noch...
hier.
In der Mitte.
Und genau dort wurde es interessant.
Denn ich konnte etwas ausprobieren.
Ich wollte meine Vergangenheit verändern.
Also schaute ich sehr konzentriert nach links.
Nichts geschah.
Ich konzentrierte mich stärker.
Immer noch nichts.
Offenbar lässt sich Vergangenheit durch Anstarren nicht verändern.
Also versuchte ich es mit der Zukunft.
Ich schaute nach rechts und wollte wissen, was morgen passiert.
Auch nichts.
Das fand ich ein wenig enttäuschend.
Ich habe deshalb noch ungefähr zwölf Sekunden gewartet.
Man sollte der Zukunft schliesslich eine faire Chance geben.
Aber es passierte nichts.
Und da verstand ich plötzlich, was diese Stelle im Buch eigentlich bedeutet.
Die Vergangenheit kann nicht mehr handeln.
Sie ist vorbei.
Die Zukunft kann noch nicht handeln.
Sie ist noch nicht da.
Es gibt nur einen einzigen Ort in unserem gesamten Leben, an dem wir überhaupt etwas tun können.
Nicht gestern.
Nicht morgen.
Sondern -
Hier.
HEUTE.
Jetzt.
In der Mitte.
Und plötzlich wurde aus diesem kleinen Gedanken etwas ziemlich Grosses.
Denn wenn das stimmt...
…dann entscheidet nicht meine Vergangenheit, was ich heute tue.
Aber....
Sie kann mich beeinflussen!
Sie kann ziehen!
Sie kann mich warnen!
Sie kann mir Erfahrungen mitgeben!
Aber handeln kann sie nicht!!
Das kann nur ich. Nur jetzt! Nur heute!
Und auch meine Zukunft entscheidet nicht, was ich heute tue.
Sie kann mich locken.
Sie kann mir Hoffnung machen.
Sie kann mir Angst machen.
Sie kann mich rufen.
Aber auch sie kann keinen einzigen Schritt machen.
Das kann ebenfalls nur ich.
Ich sass da und schaute wieder nach links.
Dann nach rechts.
Und zum ersten Mal sah ich diese beiden Seiten irgendwie anders.
Nicht mehr als Mächte, denen ich ausgeliefert bin.
Sondern als Stimmen.
Die eine sagt:
"Vergiss nicht, was war."
Die andere sagt:
"Vergiss nicht, was sein könnte."
Und ich sitze dazwischen.
Und darf beiden zuhören.
Aber dann passiert etwas Entscheidendes:
Ich entscheide, welcher Stimme ich wie viel Macht über diesen Moment gebe.
Vielleicht ist genau das etwas, das wir im Leben immer wieder vergessen.
Wir versuchen unsere Vergangenheit zu reparieren.
Oder unsere Zukunft zu kontrollieren.
Und während wir damit beschäftigt sind...
…läuft ausgerechnet das an uns vorbei, worüber wir tatsächlich bestimmen könnten.
Unsere Gegenwart.
Ich nahm meinen Schafuccino.
Er war inzwischen kalt.
Das war natürlich ärgerlich.
Aber irgendwie auch passend.
Ich hatte so lange über gestern und morgen nachgedacht...
…dass ich das Jetzt vergessen hatte.
Möbi kam vorbei.
Ich erzählte ihm von meiner Entdeckung.
Von links.
Von rechts.
Von der Vergangenheit.
Von der Zukunft.
Und von meinem kalten Schafuccino.
Er hörte mir zu.
Dann sagte er:
"Winnie, vielleicht besteht die Kunst des Lebens gar nicht darin, die Vergangenheit loszuwerden oder die Zukunft zu kennen."
Ich schaute ihn an.
"Sondern?"
Möbi lächelte.
"Zu wissen, wo sie hingehören."
Ich schwieg.
Dann schaute ich nach links.
Vergangenheit.
Sie darf mir erzählen, woher ich komme.
Ich schaute nach rechts.
Zukunft.
Sie darf mir zeigen, wohin ich gehen könnte.
Und dann schaute ich geradeaus.
Dorthin, wo mein Leben tatsächlich stattfindet.
Jetzt.
Vielleicht ist das die eigentliche Bedeutung von InMittenLand.
Wir verbringen unser ganzes Leben zwischen dem, was nicht mehr verändert werden kann...
…und dem, was noch gar nicht geschehen ist.
Und genau dazwischen liegt dieser unscheinbare Moment, den wir so leicht übersehen.
Die Gegenwart.
Sie ist nur ganz kurz da.
Und trotzdem ist sie der mächtigste Ort unseres ganzen Lebens.
Denn nur hier können wir entscheiden!
Nur hier können wir etwas tun!
Nur hier können wir etwas anders machen.
Nur hier können wir vergeben.
Nur hier können wir beginnen.
Nur hier können wir aufhören.
Nur hier können wir jemanden anrufen.
Nur hier können wir einen ersten Schritt machen.
Nur hier können wir unsere Richtung ändern.
Und vielleicht verändert sich ein Leben manchmal gar nicht dadurch, dass sich die Vergangenheit verändert.
Das kann sie nämlich nicht.
Und auch nicht dadurch, dass wir endlich wissen, was die Zukunft bringt.
Das können wir nämlich nicht.
Vielleicht verändert sich ein Leben in dem Moment, in dem wir begreifen:
Meine Vergangenheit darf mich erklären.
Aber sie muss mich nicht bestimmen!
Meine Zukunft darf mich rufen.
Aber sie muss mir keine Angst machen.
Denn entscheiden kann keine von beiden.
Entscheiden kann nur ich.
Hier.
Jetzt.
In der Mitte.
Ich habe danach meinen kalten Schafuccino getrunken.
Er schmeckte fürchterlich.
Aber ich habe mich nicht darüber geärgert.
Schliesslich lag der Fehler bereits in der Vergangenheit.
Und beim nächsten Schafuccino...
…werde ich es besser machen.
Das ist Zukunft.
Bis dahin esse ich einen Karottenkeks.
Das ist Gegenwart.
Und langsam glaube ich...
…ich habe verstanden, warum dieses Land eigentlich
InMittenLand
heisst.
Winnie out.
P.S.
Fast hätte ich etwas Wichtiges vergessen.
Dieses Buch "InMittenLand", in dem ich diese Stelle gefunden habe, hat übrigens Gerry geschrieben.
Ja.
Unser Gerry.
Ich wusste auch nicht, dass der solche Sachen weiss.
Ich dachte bisher, der schreibt einfach auf, was ich ihm sage.
Offenbar macht er zwischendurch noch andere Dinge.
Falls ihr also wissen wollt, was es mit diesem InMittenLand noch so alles auf sich hat:
Fragt Gerry.
Oder lest das Buch.
Ich würde das Buch nehmen.
Gerry erklärt manchmal ziemlich lange. 😁
P.P.S.
Dank des Buches weiss ich jetzt übrigens endlich, wie ich Gerry so richtig sauer machen kann.
Ich muss eigentlich gar nichts Besonderes tun.
Einfach irgendwann ganz beiläufig:
"Gerhard!"
rufen...
…und schauen, was passiert.
Ich werde berichten.
Falls ich danach noch darf.....oder kann! 😁
