Wie man im Mittelpunkt steht, ohne sich in den Mittelpunkt zu stellen

17.09.2026
Winnie hört seinen Freunden im Garten aufmerksam zu – eine Geschichte über Präsenz, Aufmerksamkeit und echtes Zuhören.
Winnie entdeckt die Kraft echter Aufmerksamkeit

…oder warum Aufmerksamkeit manchmal genau dann kommt, wenn man sie nicht sucht.

Aso… aso… es isch eso…

…heute habe ich beschlossen, präsenter zu werden.

Ich weiss zwar nicht genau, was das bedeutet.

Aber es klingt wichtig.

Und Menschen sagen solche Dinge ständig.

"Du musst präsenter sein."

"Du musst dich zeigen."

"Du musst auf die Menschen zugehen."

Also stellte ich mich mitten ins Wohnzimmer.

Sehr präsent.

Hilde kam herein.

Sie blieb stehen.

"Winnie?"

"Ja?"

"Warum stehst du mitten im Wohnzimmer?"

"Ich bin präsent."

"Nein. Du stehst im Weg."

Ich dachte kurz darüber nach.

"Das ist vermutlich ein wichtiger Teil davon."

Hilde schüttelte den Kopf.

"Nein."

"Woher willst du das wissen?"

Sie zeigte auf das Sofa.

"Weil ich zum Sofa möchte."

Gut.

Erster Versuch gescheitert.

Also ging ich zu Möbi.

Er sass im Garten.

Natürlich mit seinem Notizblock.

"Möbi?"

"Ja?"

"Wie schaffe ich es, im Mittelpunkt zu stehen, ohne mich in den Mittelpunkt zu stellen?"

Möbi schaute mich an.

Lange.

Dann legte er seinen Stift weg.

Das war ein schlechtes Zeichen.

"Indem du aufhörst, in den Mittelpunkt zu wollen."

Ich nickte.

"Aha."

"Was aha?"

"Dann muss ich mich also möglichst unauffällig auffällig verhalten."

"Nein."

"Unauffällig unauffällig?"

"Auch nicht."

"Vielleicht auffällig unauffällig?"

"Winnie!"

"Ja?"

"Du denkst schon wieder nur über dich nach."

"Natürlich. Es geht schliesslich darum, wie ich präsent sein kann."

"Genau das ist das Problem."

Ich hasse solche Gespräche.

Man stellt eine einfache Frage und plötzlich ist man selber das Problem.

"Also gut", sagte ich. "Erklär."

Möbi nahm einen Schluck Schafuccino.

Dann sagte er:

"Stell dir vor, du bist mit zehn Menschen zusammen."

"Gemacht."

"Und du möchtest, dass diese Menschen dich interessant finden!?"

"Natürlich."

"Was also machst du?"

Ich dachte nach.

"Ich erzähle etwas Interessantes."

"Und dann?"

"Noch etwas Interessantes."

"Und dann?"

"Etwas noch Interessanteres."

"Und was machen die anderen?"

Ich schwieg.

Das war unangenehm.

"Zuhören?"

"Genau."

"Das ist doch gut."

"Für dich vielleicht....aber bei den anderen?"

Mist.

Möbi machte weiter.

"Was wäre, wenn du stattdessen jemanden fragst, was ihn interessiert?"

"Dann redet der."

"Ja."

"Und ich nicht.?!"

"Richtig."

"Das klingt nach einem schlechten Konzept."

"Probier es aus."

Also probierte ich es aus.

Das Grinseschaf kam gerade vorbei.

"Grinseschaf?"

"😁"

"Was hast du heute gemacht?"

Das Grinseschaf schaute mich überrascht an.

Dann erzählte es.

Von seinem Spaziergang.

Von einem Vogel.

Von einer Pfütze.

Und von einem Käfer, der offenbar rückwärts über einen Stein geklettert war.

Normalerweise hätte ich spätestens beim Käfer erzählt, dass ich einmal einen viel grösseren Käfer gesehen hatte.

Diesmal nicht.

Ich fragte:

"Und dann?"

Das Grinseschaf erzählte weiter.

Und grinste.

Gut.

Das tut es sowieso.

Dann kam Hilde dazu.

Ich fragte sie, wie es mit den Planzen aussieht. 

Sie erzählte von  Garten.

Ich hörte zu.

Sogar als sie ungefähr sieben Minuten über irgendein Fusscreme-Pflänzchen sprach.

Das war hart.

Sehr hart.

Aber ich überlebte.

Dann kam Pfüddi.

"Mmpff."

Ich nickte.

"Erzähl mehr."

"Mmpff mmpff."

"Interessant."

"MMPFF!"

Ich verstand kein Wort.

Aber Pfüddi schien das Gespräch ausserordentlich zu geniessen.

Nach einer Weile sassen plötzlich alle bei mir.

Hilde.

Pfüddi.

Das Grinseschaf.

Die Schnürpelfee.

Sogar Möbi.

Alle redeten.

Alle lachten.

Und immer wieder fragte mich jemand etwas.

"Winnie, was meinst du?"

"Winnie, wie siehst du das?"

"Winnie, kennst du das auch?"

Irgendwann fiel mir etwas auf.

Ich war mitten im Gespräch.

Eigentlich sogar irgendwie…

…im Mittelpunkt.

Obwohl ich überhaupt nicht versucht hatte, dort hinzukommen.

Später sass ich wieder mit Möbi auf der Gartenbank.

"Möbi?"

"Ja?"

"Ich glaube, ich habe etwas verstanden."

"Nun machst Du mir Angst!"

"Sehr lustig."

Ich dachte kurz nach und sagte:

"Wenn ich unbedingt möchte, dass andere mich wahrnehmen, beschäftige ich mich die ganze Zeit damit, wie ich wirke."

Möbi nickte.

"Aber wenn ich mich dafür interessiere, wie es den anderen geht…"

"…passiert etwas anderes."

"Was?"

Möbi lächelte.

Dann sagte er diesen Satz.

Einen von diesen Möbi-Sätzen.

Die zuerst ganz harmlos klingen und einem später beim Zähneputzen wieder einfallen.

"Präsenz entsteht nicht dadurch, dass du dafür sorgst, dass andere dich wahrnehmen. Präsenz entsteht dadurch, dass andere sich von dir wahrgenommen fühlen!"

Ich wurde still.

Ungefähr sieben Sekunden.

Persönlicher Rekord. - Normal wären vier. 

Dann schaute ich zu den anderen.

Vielleicht war das tatsächlich der Unterschied.

Manche Menschen betreten einen Raum und versuchen, ihn zu bekommen.

Andere betreten einen Raum…

…und geben ihm etwas.

Aufmerksamkeit.

Interesse.

Humor.

Ruhe.

Ein ehrliches Zuhören.

Vielleicht sogar das Gefühl:

Du darfst hier genauso wichtig sein wie ich.

Und seltsamerweise sind es manchmal genau diese Menschen, die einem später am stärksten in Erinnerung bleiben.

Nicht weil sie am lautesten waren.

Nicht weil sie die besten Geschichten erzählt haben.

Nicht weil sich alles um sie gedreht hat.

Sondern weil man sich in ihrer Nähe irgendwie…

…gesehen gefühlt hat.

Ich schaute Möbi an.

"Dann ist das ja völlig paradox."

"Was?"

"Wenn ich im Mittelpunkt stehen will, sollte ich aufhören, mich in den Mittelpunkt zu stellen."

"Vereinfacht gesagt."

"Und wenn ich interessant sein möchte?"

"Interessiere dich."

"Und wenn ich wahrgenommen werden möchte?"

"Nimm andere wahr."

Ich schnaufte.

"Möbi?"

"Ja?"

"Kannst du Dinge nicht einmal so erklären, dass sie komplizierter werden?"

"Warum?"

"Weil ich dann weniger über mich nachdenken müsste."

Möbi griff zu seinem Notizblock.

Ich stand sofort auf.

"Nein! Das war keine Aufforderung!"

Was ich gelernt habe

  • Laut sein und präsent sein sind zwei verschiedene Dinge.
  • Wer anderen Raum lässt, verschwindet dadurch nicht.
  • Interesse macht einen manchmal interessanter als jede gute Geschichte.
  • Menschen erinnern sich nicht nur daran, was du gesagt hast, sondern auch daran, wie sie sich neben dir gefühlt haben.
  • Und wer unbedingt im Mittelpunkt stehen möchte, steht sich manchmal selbst im Weg.

Ich ging zurück ins Haus.

Hilde sass auf dem Sofa.

Ich setzte mich zu ihr.

"Hilde?"

"Ja?"

"Wie war eigentlich dein Tag?"

Sie schaute mich misstrauisch an.

"Warum fragst du?"

"Ich interessiere mich für dich."

Sie musterte mich.

Lange.

Sehr lange.

Dann sagte sie:

"Was hast du angestellt?"

Möbiiiiiiiiii!

Das mit der Präsenz funktioniert bei langjährigen Beziehungen offenbar anders!

Winnie out. 😁

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