Wie ich Gerry mit Seite 104 in die Falle gelockt habe

Aso... aso... es isch eso...
Eigentlich wollte ich heute über die Boeing 737 schreiben.
Also... nicht weil ich etwas weiss.
Sondern weil ich inzwischen erstaunlich gut so tun kann.
Wie auch immer...
Seit einiger Zeit sitze ich neben Möbi in meinem anderen Blog, dem Flugsimulations Blog, höre zu, stelle Fragen und lasse mir von Möbi Dinge erklären, die selbst Möbi manchmal kaum versteht.
Dabei ist mir etwas Seltsames aufgefallen.
Die Fliegerei redet ständig über Dinge, die überhaupt nicht zwingend nach Flugzeug klingen.
V1.
Rotate.
Holding.
Stall.
Go Around.
Fuel Reserve.
Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr hatte ich das Gefühl:
Moment mal...
Das kenne ich doch irgendwoher.
Nicht aus der Fliegerei.
Aus dem Leben.
Also ging ich zu Gerry und sagte:
"Du... irgendwie ist dein Buch über das Fliegen gar nicht nur ein Buch über das Fliegen."
Er grinste bloss.
"Das habe ich doch die ganze Zeit gesagt."
Ich nickte.
Dann ging ich wieder.
Am nächsten Tag kam ich zurück und sagte:
"Ich glaube, wir sollten im WinnieVersum eine kleine Reihe darüber machen."
Er schaute mich an und meinte:
"Das passt doch gar nicht hierher."
Dazu sagte ich nichts.
Ich fragte nur:
"Wie heisst diese Welt hier?"
"WinnieVersum."
"Aha... mein Name, mein Universum... äh... Versum... ergo meine Verantwortung."
Gerrys Blick hätte selbst einen heissen Schafuccino innerhalb von drei Sekunden tiefgefroren. Das wäre eine neue Kreation: Eisuccino!
Ich ignorierte dies aber grosszügig.
Stattdessen nahm ich sein Buch "Fliegen ist kein Zufall. Dein Leben auch nicht." in die Hand, blätterte eine Weile demonstrativ hin und her und schlug schliesslich Seite 104 auf.
Ehrlich gesagt hatte ich sie schon vorher gefunden.
Aber das musste professionell aussehen.
Dann las ich laut vor:
"Verantwortung bedeutet nicht: Alles selbst machen. Verantwortung bedeutet: Die Entscheidung gehört dir."
Danach schaute ich Gerry an.
Gerry schaute mich an.
Dann schaute Gerry sein eigenes Buch an.
Dann wieder mich.
Es entstand eine längere Pause.
Möbi bezeichnete sie später als kommunikative Stille mit erhöhter Erkenntniswahrscheinlichkeit.
Ich nenne sie bis heute einfach:
"Gerrys sprachloses Gesicht."
Nach ungefähr einer halben Ewigkeit seufzte er tief und sagte:
"Ja gut... mach halt."
Seit diesem Moment weiss ich zweierlei.
Erstens:
Fliegen und Leben haben erstaunlich viele Gemeinsamkeiten.
Und zweitens:
Je länger ich über Gerrys Buch nachdenke, desto mehr habe ich den Verdacht, dass es gar nicht vom Fliegen handelt.
Die Fliegerei ist bloss die Sprache, in der er über das Leben schreibt.
Und genau deshalb werden wir hier im WinnieVersum in den nächsten Wochen immer wieder einen Begriff aus der Fliegerei anschauen.
Nicht weil ihr Piloten werden sollt.
Nicht weil ihr eine Boeing fliegen müsst.
Sondern weil man manche Dinge über das Leben plötzlich viel einfacher versteht, wenn man sie einmal aus dem Cockpit betrachtet.
Vielleicht entdeckt ihr dabei, dass auch euer Leben ein V1 kennt.
Ein Rotate.
Einen Go Around.
Oder einen Stall.
Und vielleicht merkt ihr dabei ganz nebenbei, dass dieses Buch gar kein Pilotenbuch ist.
Sondern ein Buch für Menschen.
Falls Gerry irgendwann behaupten sollte, das sei gar nicht seine Idee gewesen...
...werde ich ihm einfach sein eigenes Buch noch einmal vorlesen.
Winnie out.
