Wenn Helfen plötzlich gefährlich wird

…oder warum man beim Löschen eines Brandes manchmal einen zweiten legt.
Aso… aso… es isch eso…
…am Sonntag wollte ich die restlichen, verkohlten Holzstücke aus der Feuerschale wegräumen.
Mehr nicht.
Das war mein Plan.
Die Schnürpelfee war gerade bei uns.
Ich sagte:
"I just go outside and clean the fire bowl."
Sie schaute mich an.
"Mitä?"
"Fire bowl."
"Mitä?"
"I come back in five minutes."
Das schien sie verstanden zu haben.
Also…
…sie sagte irgendetwas auf Finnisch.
Ich sagte:
"Yes."
Damit war für mich alles geklärt.
Das ist bei Gesprächen mit der Schnürpelfee meistens der Moment, in dem es gefährlich wird.
Dann ging ich raus.
Bis zu diesem Zeitpunkt war mein Leben vollkommen unter Kontrolle.
Ich hatte einen Auftrag.
Feuerschale.
Sauber.
Wieder rein.
Geschätzter Schwierigkeitsgrad:
sehr gering.
Dann traf ich jemanden.
Wir kamen ins Gespräch.
Auch noch kein Problem.
Schafe reden miteinander.
Das soll vorkommen.
Nur entwickelte sich dieses Gespräch irgendwie.
Aus einem Satz wurden zwei.
Aus zwei wurden zehn.
Und irgendwann merkte ich:
Hier stimmt etwas nicht.
Da war ein Problem.
Ein ziemlich grosses sogar.
Keines, das mich eigentlich etwas anging.
Aber eines, bei dem ich während des Gesprächs immer deutlicher das Gefühl bekam:
Wenn hier nichts passiert, könnte es richtig übel werden.
Und genau da habe ich offenbar einen Schalter.
Ich weiss nicht, wo der sitzt.
Aber ich habe ihn.
Bis zu diesem Moment war ich Winnie, der die Feuerschale wieder auf Vordermann bringen wollte.
Dann machte es:
Klick!
Und ich war Winnie von der freiwilligen Katastrophenverhinderungsstelle.
Ab diesem Moment gab es für mich nur noch dieses Problem.
Ich hörte zu.
Ich fragte nach.
Ich dachte.
Ich versuchte zu verstehen.
Und irgendwann begann ich zu helfen.
Nicht weil ich das geplant hatte.
Nicht weil ich morgens aufgestanden war und dachte:
Heute rette ich irgendwen.
Ich war nur zufällig in eine Situation geraten, von der ich zunehmend überzeugt war, dass jemand etwas tun sollte.
Also tat ich etwas.
Das Problem ist:
Wenn dieser Schalter bei mir einmal umgelegt ist…
…verschwindet der Rest der Welt.
Nicht absichtlich.
Ich vergesse ihn einfach.
Zeit verschwindet.
Andere Dinge verschwinden.
Feuerschalen verschwinden.
Und offenbar verschwinden sogar norwegische Schnürpelfeen, die Finnisch sprechen.
Nicht wirklich natürlich.
Das wäre praktisch gewesen.
Aber aus meinem Kopf.
Denn drinnen sass die Schnürpelfee.
Und sie wusste nur:
Winnie wollte kurz die Feuerschale aufräumen.
Fünf Minuten.
Das hatte ich immerhin auf Englisch gesagt.
Und Englisch kann sie nicht.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Was sie jedenfalls nicht wusste:
Dass aus der Feuerschale inzwischen ein Gespräch geworden war.
Aus dem Gespräch ein Problem.
Aus dem Problem ein Brand.
Und aus Winnie…
…die Feuerwehr.
Irgendwann kam ich zurück.
Die Feuerschale sah noch genauso aus wie vorher.
Dafür hatte ich das Gefühl, etwas Wichtiges getan zu haben.
Und dann sah ich die Schnürpelfee.
Oh.
Sie sagte etwas.
Sehr viel sogar.
Auf Finnisch.
Ich verstand kein einziges Wort.
Aber es gibt Situationen, in denen Sprache vollkommen überbewertet wird.
Ich verstand jedes.
Die diplomatischen Beziehungen zwischen Norwegen und Winnie waren offenbar soeben eingefroren worden.
"I helped someone", sagte ich.
Sie schaute mich an.
"Auttoi?"
"Yes! Help!"
Ich zeigte irgendwo nach draussen.
Dann machte ich mit den Händen irgendwelche Bewegungen, die vermutlich einen Brand darstellen sollten.
Anschliessend löschte ich ihn pantomimisch.
Ich glaube, für einen unbeteiligten Beobachter sah es eher so aus, als würde ich einen sehr grossen unsichtbaren Pudding umrühren.
Aber irgendwann verstand sie.
Und langsam verstand ich auch.
Denn in meinem Kopf war die Rechnung vollkommen logisch:
Da war ein Problem.
Jemand konnte es offenbar nicht allein lösen.
Ich konnte vielleicht helfen.
Also habe ich geholfen.
Hilfe = gut.
Rechnung abgeschlossen.
Nur hatte die Schnürpelfee eine völlig andere Rechnung.
Winnie sagt:
"Fünf Minuten."
Dann verschwindet Winnie.
Und kommt irgendwann viel später wieder.
Ohne Erklärung.
Ohne Nachricht.
Ohne dass sie weiss, was zum Geier eigentlich los ist.
Und plötzlich begriff ich:
Sie war nicht sauer, weil ich geholfen hatte.
Sie war sauer, weil ich sie dabei einfach vergessen hatte.
Nicht als Schnürpelfee.
Aber in diesem Moment.
In meinem Tunnel.
Und genau das hat mich beschäftigt.
Denn meine Absicht war gut.
Daran gibt es für mich keinen Zweifel.
Und trotzdem hatte diese gute Absicht beinahe etwas anderes kaputtgemacht.
Nicht wegen Bosheit.
Nicht wegen Egoismus.
Nicht weil mir jemand egal gewesen wäre.
Sondern ausgerechnet…
…weil ich helfen wollte.
Das ist schon ziemlich verrückt.
Später erklärte ich ihr, was passiert war.
Warum aus fünf Minuten plötzlich viel mehr geworden waren.
Was ich gesehen hatte.
Warum ich glaubte, eingreifen zu müssen.
Es dauerte etwas.
Vor allem sprachlich.
Aber irgendwann verstand sie.
Und ich verstand ebenfalls etwas.
Das Problem war nicht meine Hilfsbereitschaft.
Die möchte ich gar nicht verlieren.
Wenn ich sehe, dass irgendwo etwas ernsthaft aus dem Ruder läuft und ich glaube, etwas tun zu können, werde ich vermutlich auch beim nächsten Mal nicht einfach wegschauen.
Das bin ich.
Und ehrlich gesagt möchte ich das auch bleiben.
Aber vielleicht muss ich lernen, dass Helfen nicht bedeutet, alles andere auszublenden.
Und noch etwas.
Ich hatte auch die Person, der ich helfen wollte, nie wirklich gefragt:
"Möchtest du überhaupt meine Hilfe?"
Ich hatte die Situation beurteilt.
Ich hatte entschieden, dass Hilfe nötig ist.
Und dann hatte ich gehandelt.
Vielleicht hatte ich sogar recht.
Aber darum geht es nicht.
Denn auch eine richtige Einschätzung bedeutet nicht automatisch, dass meine Hilfe überhaupt gewünscht ist.
Manchmal muss man sofort handeln.
Wenn wirklich ein Haus brennt, werde ich kaum zuerst klingeln und fragen:
"Entschuldigung, wäre es Ihnen recht, wenn ich die Feuerwehr verständige?"
Aber die meisten Brände im Leben haben keine Flammen.
Und dort gibt es meistens noch Zeit für einen Satz:
"Kann ich dir helfen?"
Und offenbar noch für einen zweiten:
"Es ist gerade etwas passiert. Ich brauche etwas länger."
Zwei Sätze.
Vielleicht zwanzig Sekunden.
Zwanzig Sekunden, die verhindert hätten, dass aus einem Problem plötzlich zwei werden.
Aso…
…ich werde weiterhin helfen.
Wenn ich irgendwo einen Brand sehe, werde ich vermutlich auch weiterhin nach einem Feuerlöscher suchen.
Auch wenn der Brand gar kein Feuer ist.
Aber vielleicht besteht die Kunst des Helfens nicht nur darin, zu erkennen, wo es brennt.
Vielleicht besteht sie auch darin, währenddessen nicht zu vergessen…
…was um einen herum noch alles nicht brennt.
Und dafür zu sorgen, dass es so bleibt.
Winnie out.
PS:
Die Feuerschale habe ich übrigens tatsächlich noch aufgeräumt.
Irgendwann.
PPS:
Die Schnürpelfee hat sich auch wieder beruhigt.
Zumindest glaube ich das.
Sie sagte:
"Hyvä."
Ich weiss nicht, was das bedeutet.
Aber sie hat dabei nicht mehr so böse geschaut.
Das werte ich als diplomatischen Erfolg.
PPPS:
Ich habe beschlossen, künftig vor jeder spontanen Katastrophenverhinderung zwei Dinge zu tun:
Denjenigen fragen, ob er überhaupt gerettet werden möchte.
Und allen anderen sagen, dass es etwas länger dauert.
PPPPS:
Ausser es brennt wirklich.
Dann rufe ich die Feuerwehr.
Ich bin ja nicht blöd.
Also……nicht immer..
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