Warum Schafe keine Rückspiegel haben

...oder warum hinten nicht vorne ist....
Heute Morgen stand ich vor dem Badezimmerspiegel.
Das allein ist noch nichts Besonderes.
Besonders wurde es erst, als ich bemerkte, dass ich bereits seit fünf Minuten in den Spiegel starrte.
"Was machsch?", fragte Hilde, die gerade vorbeikam.
"Ich denke nach."
"Über was?"
"Über gestern."
Hilde seufzte.
"Aha."
Dann ging sie weiter.
Hilde kennt mich.
Wenn ich über gestern nachdenke, dauert das manchmal etwas länger.
Später sass ich mit Möbi im Garten.
Natürlich mit einem Schafuccino.
Natürlich mit Karottenkeksen.
Und natürlich dachte ich immer noch über gestern nach.
"Möbi?"
"Ja?"
"Warum denke ich eigentlich ständig über Sachen nach, die bereits passiert sind?"
Möbi legte seinen Notizblock zur Seite.
Das war immer ein schlechtes Zeichen.
Wenn Möbi den Notizblock weglegte, wurde es meistens philosophisch.
"Winnie."
"Ja?"
"Hast du schon einmal ein Schaf mit Rückspiegeln gesehen?"
"Was?"
"Antwort."
"Nein."
"Ein Pferd?"
"Nein."
"Eine Kuh?"
"Nein."
"Ein Lama?"
"Was hat das jetzt mit gestern zu tun?"
"Geduld."
Ich hasse dieses Wort.
Vor allem wenn es von Möbi kommt.
"Autos besitzen Rückspiegel", sagte er.
"Ja."
"Flugzeuge ebenfalls."
"im WinnieVersum ja, sonst nicht."
"Schafe nicht."
"Auch ja."
"Und weisst du warum?"
"Nein."
Möbi nahm einen Schluck Schafuccino.
Natürlich.
Die wichtigen Informationen kamen bei ihm grundsätzlich erst nach einer dramatischen Pause.
"Weil Schafe nach vorne laufen."
Ich blinzelte.
"Das ist die dümmste Erklärung, die ich je gehört habe."
"Dann hör weiter zu."
Das klang fair.
"Ein Rückspiegel ist hilfreich, um zu sehen, was hinter dir liegt."
"Logisch."
"Problematisch wird es erst, wenn du versuchst, nach vorne zu fahren und dabei ständig nach hinten schaust."
Ich dachte kurz darüber nach.
"Das endet vermutlich im Gartenzaun."
"Oder im Karottenbeet."
"Oder in Hildes Blumen."
"Das wäre lebensgefährlich."
Wir nickten beide.
Hilde versteht bei ihren Blumen keinen Spass.
"Menschen machen das erstaunlich oft", sagte Möbi.
"Was?"
"Sie laufen nach vorne und leben gleichzeitig rückwärts."
"Wie meinst du das?"
"Sie denken an Fehler von gestern."
"Mhm."
"An verpasste Chancen."
"Mhm."
"An dumme Entscheidungen."
"Mhm."
"An Dinge, die sie nicht mehr ändern können."
Ich schwieg.
Weil ich genau wusste, wovon er sprach.
"Und während sie nach hinten schauen", fuhr Möbi fort, "verpassen sie oft, was direkt vor ihnen liegt."
In diesem Moment stolperte ich über eine Giesskanne.
Ich fiel zwar nicht hin.
Aber elegant sah es auch nicht aus.
Möbi hob eine Augenbraue.
"Danke für die Demonstration."
"Gern geschehen."
Wir schwiegen einen Moment.
Dann fragte ich:
"Also soll man nie zurückschauen?"
"Doch."
"Jetzt verwirrst du mich."
"Der Rückspiegel ist wichtig."
"Aha."
"Aber niemand fährt mit Blick in den Rückspiegel durch die Welt."
Das verstand sogar ich.
Und das will etwas heissen.
Möbi grinste.
"Deshalb haben Schafe keine Rückspiegel."
"Wirklich?"
"Nein."
"Ich dachte schon."
"Aber die Erklärung gefällt mir trotzdem."
Ich musste lachen.
Dann nahm ich meinen Schafuccino.
Schaute nach vorne.
Und beschloss, dass gestern für heute genug Aufmerksamkeit bekommen hatte.
Denn direkt vor mir stand noch eine fast volle Dose Karottenkekse.
Und das erschien mir plötzlich deutlich wichtiger. 😄
Winnie out.
