Warum man sich kleinreden kann, bis man selber daran glaubt

…oder warum "Ich kann das nicht" manchmal das Einzige ist, was wirklich nicht stimmt.
Aso… aso… es isch eso…
…ich kann das nicht.
Also…
…ich weiss noch nicht genau, was.
Aber vermutlich ziemlich vieles.
Angefangen hat alles heute Morgen.
Ich wollte ein Regal aufhängen.
Ein kleines.
Also wirklich klein.
Ein Brett.
Vier Schrauben.
Was soll da schon schiefgehen?
Ungefähr alles.
Die erste Schraube fiel mir runter.
Die zweite Schraube drehte durch.
Die dritte Schraube verschwand.
Bis jetzt weiss niemand, wo sie ist.
Ich vermute Pfüddi.
Pfüddi sagt:
"Mmpff."
Das ist allerdings kein Geständnis.
Dann hing das Regal.
Schief.
Nicht ein bisschen schief.
So schief, dass ich kurz überlegte, ob vielleicht das Haus schief steht.
Hilde kam herein.
Sie betrachtete das Regal.
Dann mich.
Dann wieder das Regal.
"Winnie?"
"Ja?"
"Das ist schief."
"Ich weiss."
"Sehr schief."
"Ich weiss."
"Eigentlich beeindruckend schief."
"ICH WEISS!"
Ich nahm das Regal wieder herunter.
Dann setzte ich mich.
"Ich kann das einfach nicht."
Hilde setzte sich neben mich.
"Regale aufhängen?"
"Alles."
"Alles?"
"Alles."
Das ging erstaunlich schnell.
Vor fünf Minuten konnte ich lediglich kein Regal aufhängen.
Jetzt konnte ich bereits nichts mehr.
Ich machte mir einen Schafuccino.
Wenigstens den konnte ich.
Wobei…
…der Milchschaum etwas schief aussah.
Vielleicht konnte ich also auch das nicht.
Ich nahm einen Karottenkeks.
Der zerbrach.
Natürlich.
"Siehst du!"
Hilde sah mich an.
"Was?"
"Ich kann nicht einmal mehr einen Karottenkeks essen."
In diesem Moment kam Möbi herein.
Er betrachtete mich.
Das Regal.
Die Schrauben.
Den zerbrochenen Karottenkeks.
Dann schob er seine Brille hoch.
"Interessant!"
Ich mag dieses Wort langsam nicht mehr.
"Was ist interessant?"
"Wie schnell du geworden bist."
Ich schaute ihn an.
"Schnell?"
"Ja. Heute Morgen bist du beim Aufhängen eines Regals gescheitert und keine Stunde später bist du bereits als gesamtes Schaf gescheitert."
Ich überlegte.
Wenn er es so sagte…
…war das tatsächlich ziemlich schnell.
"Winnie", sagte Möbi, "weisst du, was Menschen häufig aus einem Fehlschlag machen?"
"Einen zweiten?"
"Nein."
"Eine Ausrede?"
"Manchmal."
"Einen Zimmerbrunnen?"
Möbi schaute mich an.
"Das war gestern."
"Ach so."
Möbi setzte sich.
"Sie machen aus einem Ereignis eine Eigenschaft."
Ich verstand nichts.
Das sah er offenbar.
"Ein Mensch versucht etwas und scheitert."
Ich nickte.
"Die Wahrheit wäre: Das hat nicht funktioniert."
Ich nickte wieder.
"Aber daraus wird: Ich kann das nicht."
Hm.
"Und wenn das oft genug passiert, wird irgendwann daraus: Ich bin nicht gut genug."
Ich schaute auf mein Regal.
Das war plötzlich gar nicht mehr so lustig.
Vielleicht machen wir das tatsächlich.
Wir erleben einen Misserfolg…
…und machen daraus ein Urteil über uns selbst.
Wir bekommen eine Absage.
"Ich bin nicht gut genug."
Wir machen einen Fehler.
"Ich bin unfähig."
Wir versuchen etwas Neues und scheitern.
"Ich habe eben kein Talent."
Und irgendwann versuchen wir es gar nicht mehr.
Nicht weil wir es tatsächlich nicht könnten.
Sondern weil wir beschlossen haben…
…dass wir es nicht können.
Das ist eigentlich ziemlich verrückt.
Denn wenn ich etwas nicht mehr versuche, weil ich glaube, dass ich es nicht kann…
…bekomme ich auch niemals die Gelegenheit herauszufinden…
…ob ich es vielleicht doch könnte.
Vielleicht nicht beim ersten Mal.
Vielleicht auch nicht beim zweiten.
Oder beim dritten.
Aber vielleicht beim vierten.
Möbi nahm meinen zerbrochenen Karottenkeks.
"Weisst du, Winnie… ein Fehlschlag sagt zunächst nur etwas darüber aus, was gerade passiert ist."
Er biss hinein.
"Nicht darüber, wer du bist."
Ich sah ihn an.
Dann auf mein Regal.
Dann auf die Schrauben.
"Also könnte ich lernen, Regale aufzuhängen?"
"Natürlich."
"Auch gerade?"
"Vermutlich."
"Und fliegen?"
"Du fliegst bereits."
Stimmt.
"Und Bücher schreiben?"
Möbi schaute mich an.
"Winnie…"
"Ja?"
"Du schreibst ständig."
Stimmt auch.
"Und vielleicht könnte ich sogar irgendwann Professor werden?"
Möbi schwieg.
Lange.
Sehr lange.
"Wir sollten zunächst beim Regal bleiben."
Gut.
Ich stand auf.
Nahm die Schrauben.
Holte die Wasserwaage.
Und begann noch einmal.
Zwanzig Minuten später hing das Regal.
Gerade.
Fast.
Also…
…wenn man den Kopf ungefähr sieben Grad nach links neigt…
…perfekt.
Ich trat einen Schritt zurück.
Hilde betrachtete es.
"Winnie?"
"Ja?"
"Es ist immer noch schief."
Ich nickte.
"Vielleicht."
Dann nahm ich meinen Schafuccino.
"Aber ich bin es nicht."
PS: Morgen versuche ich es noch einmal.
PPS: Möbi sagt, genau darum gehe es.
PPPS: Hilde sagt, ein Handwerker wäre günstiger gewesen als meine bisherigen sechsundzwanzig Bohrlöcher und eine Wand, die wie ein Schweizer Käse aussieht.
PPPPS: Das sehe ich anders.
PPPPPS: Ich nenne sie Lernlöcher.
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