Warum man sich Dinge schönreden kann, bis sie richtig hässlich werden

…oder warum "Das wird schon" manchmal überhaupt nichts wird.
Aso… aso… es isch eso…
…ich bin ein positives Schaf.
Meistens.
Also…
…zumindest dann, wenn gerade nichts Negatives passiert.
Und wenn etwas Negatives passiert…
…dann kann man es ja positiv sehen.
Das ist wichtig.
Habe ich gelesen.
Positives Denken.
Sehr gesund.
Darum habe ich beschlossen…
…ab sofort alles positiv zu sehen.
Heute Morgen zum Beispiel tropfte es von der Decke.
Direkt neben meinem Schafuccino.
Ich schaute nach oben.
Plopp.
Ein Tropfen.
Plopp.
Noch einer.
Hilde schaute ebenfalls nach oben.
"Winnie… ich glaube, das Dach ist undicht."
Ich schüttelte den Kopf.
"Hilde. Du siehst das völlig falsch."
Plopp.
"Wir haben jetzt einen Zimmerbrunnen."
Hilde schaute mich an.
Dann den Tropfen.
Dann wieder mich.
"Einen Zimmerbrunnen?"
"Ja. Andere Leute bezahlen viel Geld für so etwas."
Ich stellte eine Schüssel darunter.
Plopp.
Plopp.
Plopp.
Sehr beruhigend.
Fast meditativ.
Eine Stunde später tropfte es an einer zweiten Stelle.
Ich stellte eine zweite Schüssel hin.
Jetzt hatten wir sogar Stereo.
Am Nachmittag wurde aus dem Tropfen ein kleines Rinnsal.
Ich holte einen Eimer.
"Winnie…"
"Ja Hilde?"
"Das Dach ist kaputt."
"Nein."
"Doch."
"Nein. Wir haben lediglich ein etwas wasserorientiertes Wohnkonzept."
Möbi kam vorbei.
Er betrachtete den Eimer.
Dann die Schüssel.
Dann die zweite Schüssel.
Dann die nasse Decke.
Dann mich.
Er nahm seinen Notizblock.
"Interessant."
Ich nickte.
"Nicht wahr? Positives Denken."
Möbi schob seine Brille hoch.
"Nein!"
"Nein?"
"Schönreden."
Ich überlegte.
"Wo ist der Unterschied?"
Möbi setzte sich.
Allerdings nicht unter die Decke.
Professoren sind offenbar positiv…
…aber nicht blöd.
"Positives Denken bedeutet, eine unangenehme Wirklichkeit anzuerkennen und trotzdem nach Möglichkeiten zu suchen."
Ich nickte.
Das klang bis jetzt vernünftig.
Leider redete er weiter.
"Schönreden bedeutet, die unangenehme Wirklichkeit so lange umzubenennen, bis man glaubt, sie sei gar nicht mehr unangenehm."
Ich schaute auf meinen "Zimmerbrunnen".
Plopp.
Vielleicht hatte er einen Punkt.
Menschen machen das offenbar ziemlich häufig.
Eine Beziehung tut ihnen nicht gut.
"Ach… eigentlich ist es gar nicht so schlimm."
Die Arbeit macht sie jeden Morgen fertig.
"Andere haben es schlimmer."
Jemand behandelt sie ständig respektlos.
"Er meint es bestimmt nicht so."
Sie sind seit Monaten unglücklich.
"Das wird schon wieder."
Und manchmal wird aus einem Problem…
…einfach deshalb kein Problem…
…weil wir ihm einen hübscheren Namen geben.
Menschen können darin erstaunlich gut sein. Zum Glück bin ich ein Schaf.
Vielleicht machen das Menschen sogar deshalb, weil die Wahrheit manchmal Konsequenzen hätte.
Wenn ich nämlich zugebe, dass mein Dach kaputt ist…
…muss ich etwas tun.
Ich muss jemanden anrufen.
Ich muss es reparieren lassen.
Vielleicht kostet es Geld.
Vielleicht wird es mühsam.
Wenn ich dagegen sage…
"Zimmerbrunnen"…
…kann ich erst einmal sitzen bleiben.
Das fühlt sich kurzfristig viel angenehmer an.
Nur…
…das Dach interessiert sich leider überhaupt nicht dafür, wie ich es nenne.
Es tropft weiter.
Vielleicht ist genau das das Problem am Schönreden.
Es beruhigt uns heute…
…und überlässt das Problem unserem Ich von morgen.
Und dieses arme Schwein....äh... Schaf, steht dann irgendwann mit zwölf Eimern im Wohnzimmer und fragt sich…
…warum das alles plötzlich so schlimm geworden ist.
Dabei wurde es gar nicht plötzlich schlimm.
Es war schon vorher schlimm.
Wir hatten nur einen hübscheren Namen dafür.
Ich stand auf.
"Möbi?"
"Ja?"
"Ich glaube, ich rufe einen Dachdecker."
Möbi lächelte.
"Das wäre positives Denken."
Ich nickte.
Dann schaute ich zu Hilde.
"Siehst du. Ich habe die Situation vollkommen im Griff."
In diesem Moment fiel ein Stück Putz von der Decke.
Direkt in meinen Schafuccino.
Platsch.
Ich schaute hinein.
Hilde schaute hinein.
Möbi schaute hinein.
Ich nahm vorsichtig einen Schluck.
"Interessant."
Hilde hob eine Augenbraue.
"Winnie…"
"Was denn?"
"Da schwimmt Decke in deinem Schafuccino."
Ich schüttelte den Kopf.
"Nein."
Ich nahm noch einen Schluck.
"Das ist jetzt Schafuccino mit Crunch."
PS: Der Dachdecker kommt morgen.
PPS: Möbi sagt, das sei vernünftig.
PPPS: Hilde sagt, ich hätte ihn schon heute Morgen rufen sollen.
PPPPS: Ich finde, Hilde sollte dringend lernen, die Dinge etwas positiver zu sehen.
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