Warum das Leben so oder so sein kann

29.09.2026
Winnie und Möbi entdecken anhand zweier Fliegengeschichten, wie unterschiedliche Blickwinkel die Bedeutung eines Ereignisses verändern können.
Warum das Leben so oder so sein kann – Winnie und Möbi

…oder warum das Leben vielleicht weniger Regeln hat, als wir manchmal glauben.

Aso… aso… es isch eso…

…Möbi kam heute wieder vorbei.

Schon wieder.

Langsam glaube ich, der wohnt heimlich bei uns.

Er setzte sich an den Tisch.

Ich stellte ihm einen Schafuccino hin.

Dann nahm er seinen Notizblock hervor.

Das ist meistens kein gutes Zeichen.

«Winnie.»

«Ja?»

«Erinnerst du dich noch an die Fliegen?»

Ich schaute ihn an.

«Welche?»

Möbi sagte nichts.

Stimmt.

Das war inzwischen eine berechtigte Gegenfrage.

«Die von vorgestern.»

«Die mit der Maus?»

«Ja.»

«Natürlich.»

Die vergisst man nicht.

Es kommt schliesslich nicht jeden Tag vor, dass man möglicherweise eine tote Maus im Haus hat…

…die einem nach ihrem Ableben noch 47 Fliegen hinterlässt.

«Und erinnerst du dich an gestern?»

«General Picks?»

«Die Fliegen, Winnie.»

«Ach so. Ja.»

Ich nahm einen Schluck Schafuccino.

«Was ist damit?»

Möbi legte seinen Notizblock auf den Tisch.

«Fällt dir etwas auf?»

Ich dachte nach.

Vorgestern:

Fliegen.

Gestern:

Fliegen.

Heute:

Möbi.

«Du kommst ziemlich oft vorbei.»

Möbi schloss kurz die Augen.

Dann öffnete er sie wieder.

«Ich meine die beiden Geschichten.»

Ach so.

Ich dachte nochmals nach.

In der ersten Geschichte hatten wir Fliegen.

Viele Fliegen.

In der zweiten Geschichte hatten wir ebenfalls Fliegen.

Noch mehr Fliegen.

«Aha!»

Möbi schaute mich erwartungsvoll an.

«Wir haben ein ernstes Fliegenproblem.»

«Nein.»

Hmm.

Dann wusste ich es auch nicht.

Möbi nahm seinen Stift.

«Schauen wir uns das einmal an.»

Er schrieb:

FLIEGEN – GESCHICHTE 1

Darunter:

Woher kommen sie?

«Was hast du gemacht?», fragte er.

«Nach der Ursache gesucht.»

«Genau.»

Also hatte ich das Haus untersucht.

Die Fenster.

Die Türen.

Den Müll.

Den Schafuccinoautomaten.

Und…

…Hildes Füsse.

Das war wissenschaftlich notwendig gewesen.

Hilde sieht das bis heute anders.

Am Ende hatte Möbi mir erklärt, dass möglicherweise irgendwo eine Maus gestorben war.

Die Ursache war also vielleicht längst verschwunden…

…aber ihre Folgen flogen noch immer durch unser Wohnzimmer.

Möbi schrieb:

Eine Ursache kann verschwunden sein, obwohl ihre Folgen noch da sind.

Ich nickte.

Das hatten wir gelernt.

Dann schrieb er daneben:

FLIEGEN – GESCHICHTE 2

Darunter:

Was haben sie mit Picks zu tun?

Ich richtete mich auf.

«Sehr viel.»

Möbi ignorierte das.

Gestern hatte ich nämlich wieder Fliegen gesehen.

Und Picks.

Und Hilde.

Alles Tatsachen.

Nur hatte ich daraus…

…offenbar…

…eine etwas eigene Geschichte gebaut.

Möbi schrieb:

Richtige Beobachtungen können zu einer falschen Geschichte verbunden werden.

Ich schaute auf seinen Notizblock.

Links:

Fliegen.

Rechts:

Fliegen.

Links eine tote Maus.

Rechts General Picks mit fünf Sternen und der Lizenz zum Stechen.

Hmm.

Das war tatsächlich ein ziemlich grosser Unterschied.

«Aber es waren doch beide Male Fliegen.»

«Genau.»

«Also dieselbe Sache.»

«Fast.»

«Aber wir haben daraus zwei völlig verschiedene Geschichten gemacht.»

Möbi lächelte.

Ich hasse es, wenn er so lächelt.

Dann hat mein Hirn meistens gleich Arbeit.

«Warum?»

Möbi zeigte auf seine beiden Überschriften.

Woher kommen sie?

und

Was haben sie mit Picks zu tun?

Ich las beide Sätze.

Noch einmal.

Dann verstand ich langsam.

Nicht die Fliegen hatten entschieden, worum es in der Geschichte ging.

Die Frage hatte es entschieden.

Oh.

Das war…

…interessant.

Ich nahm einen Karottenkeks.

Für komplizierte Gedanken braucht mein Hirn Zucker.

«Du meinst also, dieselbe Sache kann etwas völlig anderes bedeuten, je nachdem, wie ich sie anschaue?»

«Ja.»

Ich kaute.

Das gefiel mir nicht.

«Dann müsste es doch für alles mehrere Bedeutungen geben.»

«Nicht unbedingt.»

«Aber gerade eben hast du das gesagt.»

«Nein. Ich habe gesagt, dass ein Ereignis je nach Zusammenhang, Wissen und Blickwinkel unterschiedlich verstanden werden kann.»

Ich schaute ihn an.

Das war wieder einer dieser Professorensätze.

«Kannst du das auch für Schafe sagen?»

Möbi seufzte.

Dann zeigte er auf meinen Karottenkeks.

«Wenn dir Hilde den letzten Karottenkeks wegnimmt – was bedeutet das?»

«Scheidungsgrund.»

«Winnie.»

«Entschuldigung.»

Ich dachte nach.

Vielleicht hatte Hilde Hunger.

Vielleicht wusste sie nicht, dass es der letzte war.

Vielleicht wollte sie ihn Pfüddi geben.

Vielleicht hatte ich bereits 17 gegessen und sie wollte verhindern, dass mir schlecht wird.

…

Wobei das natürlich eine völlig unbewiesene Theorie wäre.

Aber plötzlich verstand ich, was Möbi meinte.

Das Ereignis blieb gleich.

Hilde nimmt den letzten Karottenkeks.

Aber was dieses Ereignis bedeutet…

…hängt davon ab, was rundherum passiert.

Und davon, was ich darüber weiss.

Und davon…

…was ich daraus mache.

Möbi nickte.

«Genau das machen Menschen ständig.»

«Karottenkekse essen?»

«Nein.»

Schade.

«Sie erleben etwas und geben diesem Erlebnis eine Bedeutung.»

Ich dachte darüber nach.

Jemand verliert seine Arbeit.

Katastrophe.

Vielleicht.

Vielleicht findet er danach etwas, das viel besser zu ihm passt.

Jemand bekommt etwas nicht, das er unbedingt wollte.

Pech.

Vielleicht.

Vielleicht stellt sich später heraus, dass genau das gut für ihn war.

Jemand sagt etwas zu uns.

Wir fühlen uns angegriffen.

Vielleicht wollte er uns angreifen.

Vielleicht haben wir ihn falsch verstanden.

Vielleicht hatte er einfach einen schlechten Tag.

Vielleicht…

…wissen wir es überhaupt nicht.

Ich wurde still.

Das passiert nicht oft.

Möbi bemerkte es natürlich sofort.

«Was ist?»

«Dann gibt es ja für das Leben gar keine Bedienungsanleitung.»

«Nicht für alles.»

Das fand ich beunruhigend.

Ich mag Bedienungsanleitungen.

Gut…

…ich lese sie nie.

Aber ich finde es beruhigend, wenn irgendwo eine liegt.

«Aber irgendwelche Regeln muss es doch geben.»

«Natürlich.»

Möbi nahm meinen Schafuccino.

Meinen!

Und trank einen Schluck.

Ich starrte ihn an.

«Zum Beispiel, dass man anderen Leuten nicht den Schafuccino wegtrinkt.»

«Zum Beispiel.»

Gut.

Damit war wenigstens die Zivilisation gerettet.

Dann wurde Möbi wieder ernst.

«Fakten bleiben Fakten, Winnie. Eine Fliege bleibt eine Fliege. Eine tote Maus bleibt eine tote Maus. Und ein Müllsack, den du vergessen hast…»

«Ja, ja.»

Das mussten wir nicht nochmals vertiefen.

«Aber was ein Ereignis für dein Leben bedeutet, steht häufig nicht in Stein gemeisselt.»

Ich schaute auf seinen Notizblock.

Zweimal Fliegen.

Zwei Geschichten.

Zwei Erkenntnisse.

Und plötzlich kam mir ein Gedanke.

Vielleicht versuchen wir manchmal, aus einer Erfahrung eine Regel für das ganze Leben zu machen.

Etwas geht einmal schief.

Also wird es wieder schiefgehen.

Ein Mensch enttäuscht uns.

Also kann man Menschen nicht vertrauen.

Wir scheitern an etwas.

Also können wir es nicht.

Eine Fliege taucht auf.

Also…

Ich schaute zum Fenster.

Picks sass draussen.

«…hat Picks eine Armee.»

Möbi legte den Stift hin.

«Du warst so nah dran.»

«Danke.»

«Das war kein Kompliment.»

Ach so.

Möbi nahm seinen Notizblock und schrieb:

Das Leben besteht aus Ereignissen.

Darunter:

Aber ihre Bedeutung ist nicht immer in Stein gemeisselt.

Und darunter:

Es verändert sich nicht das, was passiert ist.

Sondern die Frage, mit der wir darauf schauen.

Ich las es.

Dann schaute ich zu Picks.

Dann zum Fenster.

Dann in die Küche.

Kein Müllsack.

Sehr gut.

Und plötzlich fand ich es gar nicht mehr so schlimm, dass das Leben keine vollständige Bedienungsanleitung hat.

Denn vielleicht bedeutet das auch…

…dass eine Geschichte, die heute wie eine Katastrophe aussieht…

…morgen noch nicht dieselbe Geschichte sein muss.

Ich nahm meinen Schafuccino wieder.

Möbi hatte fast die Hälfte getrunken.

Das wiederum…

…war aus jedem denkbaren Blickwinkel eine Frechheit.

Winnie out.

P.S.

Falls ihr euch also gestern gefragt habt, warum ihr also zwei Geschichten über Fliegen lesen musstet:

Genau deshalb.

Die Fliegen waren beinahe dieselben.

Die Geschichte nicht.

Und vielleicht ist das beim Leben manchmal ganz ähnlich.

P.P.S.

Bei meinem Schafuccino gibt es übrigens keine unterschiedlichen Blickwinkel.

Meiner ist meiner.

Manche Regeln müssen einfach in Stein gemeisselt sein.

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