Warum „falsch“ nicht gleichbedeutend mit „nicht richtig“ ist

12.10.2026
Winnie betrachtet einen absichtlich falsch herum montierten Staketenzaun mit leuchtender Lichterkette im Garten.
Winnie – Warum falsch nicht gleich nicht richtig ist

…oder warum man manchmal erst die Lichterkette abwarten sollte.

Aso… aso… es isch eso…

…ich brauchte einen Blumentopf.

Einen.

Nur einen.

Einen etwas grösseren als den, den ich bereits hatte.

Weil meine Pflanze offenbar beschlossen hatte, dass ihr bisheriger Wohnraum ihren persönlichen Ansprüchen nicht mehr genügte.

Die Wurzeln kamen unten aus dem Topf.

Das ist bei Pflanzen ein ziemlich eindeutiges Zeichen.

Bei Menschen wäre es vermutlich komplizierter.

Jedenfalls…

…fuhr ich ins Gartencenter..

Wegen eines Blumentopfes.

Ich erwähne das nochmals, weil es später wichtig wird.

Eines Blumentopfes!

Ich nahm einen Einkaufswagen.

Eigentlich unnötig.

Ein Blumentopf hat schliesslich Henkel.

Also…

…manche.

Das Henkelthema ist ja so eine Sache für sich, die ich ja bereits ausgiebig analysiert habe. 

Mein Blumentopf hatte aber keine Henkel.

Deshalb Einkaufswagen.

Ich fand den passenden Topf ziemlich schnell.

Und damit wäre die Geschichte eigentlich zu Ende gewesen.

Wenn nicht rechts neben den Blumentöpfen noch andere Sachen gestanden hätten.

Sehr viele andere Sachen.

Gartenabteilungen machen das absichtlich.

Die stellen Dinge hin.

Überall.

Man läuft an ihnen vorbei und denkt:

Das könnte ich brauchen.

Man weiss zwar nicht wofür.

Aber das ist in diesem Moment nicht wichtig.

Wichtig ist nur:

Man könnte.

Und ich kann immer! 

Ich kaufte deshalb noch zwei Solarlampen.

Ein Seil.

Drei Pflanzen.

Zwei Säcke mit Blumenerde.

Etwas, von dem ich bis heute nicht genau weiss, was es ist.

Und einen Sack mit Steinen.

Die Steine waren besonders wichtig.

Wofür, weiss ich ebenfalls noch nicht.

Aber Steine kann man immer brauchen.

Dann sah ich den Zaun.

Genauer gesagt:

Staketenzäune.

Sehr schöne sogar.

Holz.

Natur.

Rustikal.

Ich blieb stehen.

Ich betrachtete sie.

Und sofort wusste ich:

Die brauche ich.

Ich wusste nur noch nicht, wofür.

Das ist aber kein Grund, etwas nicht zu kaufen.

Sonst würde die Wirtschaft zusammenbrechen.

Also lud ich auch noch die Zäune auf den Wagen.

Zum Glück hatte das Center nur noch vier Stück davon, weil ich sonst wieder einen Lieferdienst hätte organisieren müssen.

Als ich später beim Auto stand, stellte ich fest, dass ein Auto erstaunlich klein sein kann.

Vor allem, wenn man eigentlich nur einen Blumentopf kaufen wollte.

Ich verstaute alles.

Dann nochmals.

Dann andersherum.

Den Sack mit den Steinen musste ich dreimal umplatzieren.

Das Ding, von dem ich nicht wusste, was es war, lag schliesslich auf dem Beifahrersitz.

Ich schnallte es an.

Sicherheit geht vor.

Zuhause begann ich mit dem Zaun.

Bei meinem Hängesesselsitzplatz konnte ich ihn nämlich wunderbar gebrauchen.

Ich stellte das erste Element auf.

Dann das zweite.

Dann das dritte und auch das vierte.

Bohrte.

Hämmerte.

Schraubte.

Richtete aus.

Trat drei Schritte zurück.

Sah es mir an.

Zwei mal waren es fünf und weil ich nicht sicher war, ob es sechs Schritte waren, wiederholte ich das Anguck- und Prüfverfahren. 

Perfekt.

Fast.

Die Staketenzäune haben nämlich an beiden Enden jeweils eine längere Holzlatte.

Unten zugespitzt.

Damit man sie in den Boden schlagen kann.

So werden die Zaunelemente verankert.

Das wusste ich.

Natürlich wusste ich das.

Ich bin schliesslich nicht blöd.

Also…

…nicht immer.

Ich montierte sie trotzdem andersherum.

Die langen, zugespitzten Latten zeigten nach oben.

Das sah ein bisschen aus, als hätte jemand zwei überdimensionierte Zahnstocher an meinen Sitzplatz gebaut.

Ich fand es gut.

Etwas später kamen Spaziergänger vorbei.

Sie blieben stehen.

"Sie haben den Zaun falsch herum montiert."

Ich schaute den Mann an.

Dann den Zaun.

Dann wieder den Mann.

"Nein."

"Doch."

"Nein."

Er zeigte auf die beiden langen Spitzen.

"Die gehören in den Boden."

Ich nickte.

"Das stimmt."

Er schwieg.

Ich schwieg auch.

Dann schaute er nochmals auf den Zaun.

Man konnte förmlich sehen, wie sein Gehirn versuchte, die neue Information irgendwo abzulegen.

"Dann ist er doch falsch herum."

"Nur wenn die Spitzen in den Boden sollen?"

Jetzt schaute er mich etwas länger an.

Ich beschloss, ihm zu helfen.

"Vielleicht brauche ich die oben."

"Wofür?"

Gute Frage.

Also…

…ich wusste natürlich, wofür.

Aber plötzlich fielen mir noch andere Möglichkeiten ein.

"Servelats."

"Was?"

"Man könnte Servelats draufstecken."

Er schaute auf die Spitzen.

Ich auch.

"Vor dem Grillieren", erklärte ich.

Man muss solche Dinge genau erklären.

"Eine links. Eine rechts. Dann liegen sie nicht herum."

Er sagte nichts.

Vermutlich dachte er darüber nach.

"Oder als Anschauungsmaterial."

"Für was?"

"Spitzen."

"Spitzen?"

"Falls jemand nicht weiss, wie eine Spitze aussieht."

Ich zeigte auf die Spitze.

"Dann könnte ich sagen: So."

Er schaute mich an.

Ich glaube, er war beeindruckt.

Vielleicht aber auch nicht.

"Man könnte auch ein Schild dranhängen."

"Was für ein Schild?"

"ACHTUNG – SPITZ."

Er ging weiter.

Seine Begleiterin auch.

Ich hörte sie noch etwas sagen.

Ich verstand nur das Wort "komisch".

Vermutlich meinten sie den Zaun.

Ich setzte mich in meinen Hängesessel.

Und betrachtete mein Werk.

Die beiden Spitzen ragten wunderbar nach oben.

Falsch herum.

Eindeutig.

Jeder, der wusste, wie ein solcher Zaun konstruiert war, konnte das sehen.

Die langen Latten waren dazu gemacht worden, in die Erde geschlagen zu werden.

Dafür waren sie da.

Dafür hatte sie jemand konstruiert.

Und ich hatte sie falsch herum montiert.

Absichtlich.

Dann holte ich die Lichterkette.

Ich befestigte sie an der ersten langen Latte.

Spannte sie zu der anderen Spitze..

Befestigte sie an der zweiten.

Bei den anderen drei machte ich das gleiche.

Wartete, bis es dunkel wurde.

Und schaltete sie ein.

Ich setzte mich wieder in meinen Hängesessel.

Über den Zäunen leuchteten die kleinen Lichter.

Genau auf der richtigen Höhe.

Genau dort, wo ich sie haben wollte.

Und plötzlich war der falsch montierte Zaun…

…richtig.

Dabei hatte ich am Zaun überhaupt nichts verändert.

Keine Latte umgedreht.

Keine Schraube versetzt.

Keinen Pfosten neu eingeschlagen.

Der Zaun war noch exakt derselbe wie vorher.

Nur die Information über ihn hatte sich verändert.

Vorher sah jemand zwei Pfosten und erkannte, dass der Zaun falsch herum montiert ist..

Jetzt sah er zwei Pfosten, an denen eine Lichterkette hing.

Und da wurde mir etwas klar.

Vielleicht sagen wir manchmal ein bisschen zu schnell:

Das ist falsch.

Weil wir wissen, wie etwas normalerweise gemacht wird.

Wie etwas gedacht wurde.

Für was etwas konstruiert wurde.

Wie man es uns gezeigt hat.

Und wenn jemand davon abweicht, sehen wir sofort den Fehler.

Dabei sehen wir vielleicht gar keinen Fehler.

Vielleicht sehen wir nur etwas, dessen Zweck wir noch nicht verstanden haben.

Oder einen Plan, den wir nicht kennen.

Oder etwas, das schlicht noch nicht fertig ist.

Nur weil jemand einen Gegenstand für eine bestimmte Verwendung konstruiert hat, bedeutet das schliesslich nicht, dass er ausschliesslich dafür verwendet werden kann.

Und vielleicht gilt das nicht nur für Gartenzäune.

Vielleicht gilt das manchmal auch für Ideen.

Für Entscheidungen.

Für Lebenswege.

Für Menschen.

Wir sehen einen kleinen Ausschnitt.

Vergleichen ihn mit dem, was wir kennen.

Und urteilen.

Richtig.

Falsch.

So macht man das.

So macht man das nicht.

Dabei fehlt uns vielleicht nur…

…die "Lichterkette".

Ich nahm einen Schluck Schafuccino.

Schaute nach oben.

Die Lichter leuchteten.

Die Spitzen standen noch immer falsch herum.

Und waren genau deshalb…

…richtig.

Vielleicht ist "falsch" manchmal gar nicht das Gegenteil von "richtig".

Vielleicht ist "falsch" manchmal nur das Wort, das wir benutzen…

…solange wir den Plan noch nicht kennen.

Aso.

Und falls jemand trotzdem behauptet, mein Zaun sei falsch herum:

Ich habe noch zwei freie Servelatplätze.

Das sollte die Diskussion eigentlich beenden.

Winnie out.

PS:

Die Pflanze steht übrigens immer noch im alten Topf.

Ich hatte nach dem Zaun keine Zeit mehr zum Umtopfen.

Aber dafür habe ich jetzt vier Zäune.

Mit Lichterkette.

Und einen Sack Steine.

Prioritäten muss man setzen können.

PPS:
Ich überlege mir übrigens, meine Zaun-Lichterketten-Konstruktion patentieren zu lassen.

Man weiss ja nie.

Vielleicht habe ich gerade die Gartengestaltung revolutioniert.

Ich muss mich nur beeilen.

Bevor der Mann vom Spaziergang wiederkommt…

…und behauptet, das Patent sei falsch herum eingereicht. 😂

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