Warum etwas plötzlich wertvoll wird, wenn es weg ist

…oder Winnies wissenschaftliche Methode zur Bestimmung von Wert.
Aso… aso… es isch eso…
…ich habe etwas Merkwürdiges über den Menschen herausgefunden.
Und über Schafe.
Und vermutlich auch über Hamster.
Wobei ich bei Hamstern noch keine abschliessenden Forschungsergebnisse habe.
Es geht um Wert.
Also darum…
…warum etwas wertvoll ist.
Ich habe nämlich festgestellt:
Wenn man etwas hat…
…ist es häufig einfach da....
...und man schätzt es nicht wirklich.
Hat man es nicht mehr…
…war es plötzlich unglaublich wertvoll.
Das fand ich interessant.
Und deshalb beschloss ich…
…das wissenschaftlich zu untersuchen.
Ich begann mit meinem Schafuccino.
Er stand auf dem Beistelltisch.
Ich schaute ihn an.
Nichts.
Ich wusste natürlich, dass er da war.
Aber besondere Gefühle löste das nicht aus.
Also trank ich ihn aus.
Dann schaute ich wieder auf die Tasse.
Und plötzlich…
…wollte ich Schafuccino.
Das war der erste Beweis.
Der Wert eines Schafuccinos steigt offenbar dramatisch, sobald keiner mehr da ist.
Ich holte meinen Notizblock.
Und schrieb:
Schafuccino vorhanden = normal.
Schafuccino weg = Katastrophe!
Wissenschaft kann erstaunlich einfach sein.
Also machte ich weiter.
Ich nahm einen Karottenkeks.
Legte ihn auf den Tisch.
Schaute ihn an.
Keks.
Mehr nicht.
Dann ass ich ihn.
Und plötzlich hätte ich gerne einen Karottenkeks gehabt.
Zweiter Beweis!
Ich wurde nervös.
Offenbar war ich einer gewaltigen Sache auf der Spur.
Ich begann, weitere Versuche durchzuführen.
Meine Zipfelmütze.
Solange sie auf meinem Kopf war…
…dachte ich nicht über sie nach.
Also versteckte ich sie.
Leider wusste ich danach nicht mehr, wo.
Nach sieben Minuten war meine Zipfelmütze plötzlich eines der wichtigsten Dinge meines gesamten Lebens.
Nach zwölf Minuten war sie ein unersetzliches Kulturgut.
Nach achtzehn Minuten überlegte ich, Interpol einzuschalten.
Hilde fand sie dann im Kühlschrank.
Ich weiss nicht, wie sie dort hingekommen ist.
Wissenschaftliche Versuche können manchmal unerwartete Nebenwirkungen haben.
Aber das Ergebnis war eindeutig.
Ich schrieb:
Zipfelmütze auf Kopf = Mütze.
Zipfelmütze weg = nationales Kulturerbe.
Nun hatte ich ein System.
Also untersuchte ich grössere Dinge.
Den Fernseher.
Das Sofa.
Die Kaffeemaschine.
Meine linke Socke.
Bei der Kaffeemaschine brach ich den Versuch allerdings nach ungefähr vierzig Sekunden ab.
Man muss Wissenschaft nicht unnötig gefährlich machen.
Dann kam Hilde herein.
"Was machst du?"
"Ich ermittle den Wert unserer Sachen."
Hilde schaute sich um.
"Warum fehlt die Hälfte vom Wohnzimmer?"
"Wissenschaft."
"Wo ist der Fernseher?"
"Keller."
"Die Kaffeemaschine?"
"Kurzzeitig Keller. Jetzt wieder hier. Sicherheitsgründe."
"Und warum steht der Beistelltisch im Badezimmer?"
Ich schaute auf meinen Notizblock.
Das wusste ich tatsächlich nicht mehr.
Dann sagte Hilde:
"Und was hast du jetzt herausgefunden?"
Ich erklärte ihr meine Theorie.
Dass wir offenbar erst merken, wie wertvoll etwas ist…
…wenn es nicht mehr da ist.
Hilde schwieg.
Dann sagte sie:
"Dann verschwinde doch mal."
Ich fand den Vorschlag wissenschaftlich interessant.
Also ging ich raus.
Nach ungefähr drei Minuten kam ich wieder rein.
"Und?"
"Was und?"
"Hast du mich vermisst?"
"Nein."
Ich ging wieder raus.
Nach zehn Minuten kam ich zurück.
"Jetzt?"
"Nein."
Nach zwanzig Minuten…
"Jetzt?"
"Winnie!"
Ich setzte mich wieder hin.
Offenbar funktionierte meine Theorie nicht bei allem gleich schnell.
Aber später dachte ich noch einmal darüber nach.
Vielleicht liegt das Problem nämlich gar nicht darin…
…dass Dinge wertvoller werden, wenn sie verschwinden.
Vielleicht waren sie vorher schon genauso wertvoll.
Wir haben es nur nicht bemerkt.
Weil sie da waren.
Jeden Tag.
Der Schafuccino.
Das Zuhause.
Ein voller Kühlschrank.
Ein Mensch, der neben einem sitzt.
Jemand, der fragt, wie es einem geht.
Jemand, über den man sich manchmal ärgert.
Eine Stimme aus dem anderen Zimmer.
Ein Hund, der irgendwo herumliegt.
Ein ganz normaler Morgen.
Ein ganz normaler Tag.
Ein ganz normales Leben.
Vielleicht ist "selbstverständlich" manchmal nur ein anderes Wort für:
"Ich habe vergessen, wie wertvoll das ist, weil ich es jeden Tag habe."
Ich schaute zu Hilde.
"Hilde?"
"Was?"
"Ich bin froh, dass du da bist."
Sie schaute mich an.
Dann lächelte sie.
"Ich auch."
Ich dachte kurz nach.
"Dann müsste ich für den wissenschaftlichen Beweis eigentlich nochmals verschwinden."
"Winnie?"
"Ja?"
"Wenn du jetzt verschwindest, helfe ich deiner Theorie nach."
Ich habe nicht nachgefragt.
Manche Forschungsergebnisse…
…muss man nicht unbedingt praktisch überprüfen.
Winnie out.
PS: Meine Zipfelmütze ist übrigens wieder da.
Seitdem weiss ich ihren Wert sehr zu schätzen.
PPS: Ich weiss allerdings immer noch nicht, warum sie im Kühlschrank lag.
PPPS: Hilde sagt, ich hätte sie selbst hineingelegt, weil ich gleichzeitig Mich für den Schafuccino holen wollte.
Das halte ich für eine unbewiesene Behauptung.
PPPPS: Ich habe jetzt übrigens beschlossen, jeden Tag wenigstens einmal bewusst etwas anzuschauen, das sowieso da ist…
…und mir vorzustellen, es wäre morgen nicht mehr da.
Ich wollte mit Hilde anfangen.
Sie meinte, ich solle lieber mit der Kaffeemaschine üben.
Ich glaube…
…sie hat Angst vor meinen wissenschaftlichen Methoden.
PPPPPS: Falls du jetzt übrigens Angst bekommen hast, dass ich irgendwann tatsächlich in eine Situation geraten könnte, in der kein Schafuccino mehr da ist…
…kann ich dich beruhigen.
Seit Neuestem kann man mir nämlich tatsächlich einen Schafuccino spendieren.
Also…
…einen echten Schafuccino bekomme ich natürlich nicht zugeschickt.
Das wäre vermutlich auch schwierig.
Vor allem mit dem Milchschaum.
Aber wer möchte, kann mir symbolisch einen spendieren und damit dafür sorgen, dass ich meine wissenschaftlichen Untersuchungen auch weiterhin unter ausreichend koffeinhaltigen Bedingungen durchführen kann.
Völlig freiwillig natürlich.
Denn das WinnieVersum bleibt ein Geschenk.
Aber wer mir etwas zurückschenken möchte:
☕ Winnie einen Schafuccino spendieren
Damit ich die erschreckende Erfahrung aus diesem Beitrag…
"Schafuccino weg = Katastrophe"
…niemals im wirklichen Leben überprüfen muss. 😁
Du möchtest mir etwas erzählen? Ich freue mich auf deine Nachricht!
✉ Schreib Winnie!