Wähhh oder Hui?

19.10.2026
Winnie hat einen Wähhh-Tag und sucht nach dem Grund für seine schlechte Laune.
Winnie und der Wähhh-Tag – schlechte Laune ohne Grund

…oder warum man nicht jeden "Wähhh-Tag" verstehen muss.

Aso… aso… es isch eso…

…heute ist irgendwie wähhh.

Ich weiss nicht, wie ich es anders beschreiben soll.

Wähhh eben.

Gestern war noch alles gut.

Ich war zufrieden.

Fröhlich.

Motiviert.

Ich hatte sogar das Gefühl, mein Leben einigermassen im Griff zu haben.

Also…

…zumindest für ungefähr eine halbe Stunde.

Aber immerhin.

Und heute?

Einfach nur Wähhh!

Ich sass am Frühstückstisch und betrachtete meinen Schafuccino.

Normalerweise macht mich bereits der Anblick glücklich.

Heute nicht.

Ich nahm einen Schluck.

Auch nichts.

Ich ass einen Karottenkeks.

Nichts.

Ich ass einen zweiten.

Immer noch nichts.

Beim dritten begann ich mir Sorgen zu machen.

Nicht wegen meiner Stimmung.

Wegen der Karottenkekse.

Wenn selbst die nicht mehr funktionieren, ist die Lage ernst.

Also begann ich nachzudenken.

Warum bin ich heute wähhh?

Es musste einen Grund geben.

Menschen haben schliesslich auch für alles einen Grund.

Oder suchen zumindest so lange danach, bis sie einen gefunden haben.

Ich überprüfte zuerst meinen Schlaf.

Dreizehn Stunden und zwölf Minuten.

Das klang ausreichend.

Dann das Wetter.

Bewölkt.

Verdächtig.

Allerdings war es gestern auch bewölkt gewesen.

Also unschuldig.

Ich überprüfte meinen Schafuccino.

Temperatur korrekt.

Milchschaum vorhanden.

Keine Auffälligkeiten.

Ich betrachtete Hilde.

Sie betrachtete mich.

"Was?"

"Nichts."

"Warum schaust du mich dann so an?"

"Ich suche den Grund."

"Für was?"

"Dass ich wähhh bin."

Hilde stellte ihre Tasse ab.

"Und warum schaust du dafür mich an?"

Ich strich Hilde von der Liste.

Sicherheitshalber.

Sonst wird aus Wähhh ein "nicht auch das noch"!

Danach überprüfte ich meinen Bauch.

Meinen Puls.

Meine Socken.

Den Luftdruck.

Den Kalender.

Den Kühlschrank.

Und kurz auch noch den Briefkasten.

Man weiss ja nie.

Nichts.

Kein Grund.

Das machte die Sache schlimmer.

Denn wenn man wähhh ist und weiss warum, kann man wenigstens sagen:

Aha! Deshalb!

Dann hat das Wähhh einen Namen.

Und sobald etwas einen Namen hat, fühlt es sich irgendwie offizieller an.

Aber mein Wähhh hatte keinen Namen.

Es war einfach da.

Also ging ich zu Möbi.

"Möbi?"

"Ja?"

"Ich habe ein Problem."

Er legte seinen Notizblock weg.

"Was für eines?"

"Ich bin heute wähhh."

Möbi sah mich an.

"Wähhh?"

"Ja."

"Seit wann genau?"

"Heute."

"Und gestern?"

"Da war ich noch hui."

Möbi nickte.

"Verstehe."

Das tat er natürlich nicht.

Niemand versteht wähhh.

"Und jetzt suche ich den Grund."

"Warum?"

Ich sah ihn an.

Manchmal stellt Möbi wirklich seltsame Fragen.

"Damit ich weiss, warum ich wähhh bin."

"Und was machst du, wenn du keinen findest?"

"Weitersuchen."

"Wie lange?"

Darüber hatte ich noch nicht nachgedacht.

"Bis ich einen finde."

Möbi lehnte sich zurück.

"Vielleicht gibt es keinen einzelnen Grund."

Ich schwieg.

Das war keine besonders befriedigende Antwort.

"Vielleicht", sagte er, "gibt es Tage, an denen Körper, Kopf und Stimmung einfach nicht ganz dort sind, wo wir sie gerne hätten. Vielleicht ist es ein bisschen Schlaf, ein bisschen Wetter, ein bisschen Anspannung, ein bisschen Biologie, ein bisschen von gestern und ein bisschen von etwas, das du gar nicht bemerkst."

"Und was mache ich dagegen?"

"Musst du denn etwas dagegen machen?"

Jetzt wurde er anstrengend.

"Natürlich. Ich will wieder hui sein."

Möbi lächelte.

"Vielleicht ist genau das das Problem."

Ich verstand überhaupt nichts mehr.

Also war Möbi offenbar wieder in Hochform.

"Winnie", sagte er, "du akzeptierst problemlos, dass es draussen sonnige Tage gibt und graue Tage?"

"Ja."

"Du stehst bei schlechtem Wetter auch nicht im Garten und schreist den Himmel an, er solle sich erklären."

Ich überlegte.

"Nicht mehr."

Möbi ignorierte das.

"Warum verlangst du dann von dir selbst, dass in dir jeden Tag die Sonne scheint?"

…

Oh.

Das war jetzt blöd.

Weil es irgendwie Sinn machte.

Vielleicht muss ich tatsächlich nicht jeden Wähhh-Tag reparieren.

Vielleicht muss ich ihn auch nicht verstehen.

Vielleicht darf ich einfach sagen:

Heute ist nicht mein bester Tag.

Ohne daraus sofort eine Lebenskrise zu machen.

Ohne zu glauben, dass etwas grundsätzlich nicht stimmt.

Und vor allem ohne anzunehmen, dass dieses Gefühl jetzt für immer bleibt.

Denn genau das ist ja das Gemeine an solchen Tagen.

Wenn man mittendrin steckt, fühlt sich ein Wähhh plötzlich unglaublich endgültig an

....und nichts scheint mehr Sinn zu machen! 

Dabei war gestern noch hui.

Und wenn gestern hui sein konnte…

…warum sollte morgen nicht wieder ein Hui-Tag  werden können?

Vielleicht sogar heute Nachmittag.

Oder in einer Stunde.

Oder nach einem Spaziergang.

Einem Gespräch.

Einem guten Essen.

Einem Nickerchen.

Oder ganz ohne erkennbaren Grund.

So wie das Wähhh gekommen ist.

Ich ging zurück nach Hause.

Hilde sass noch am Tisch.

"Und?", fragte sie. "Weisst du jetzt, warum du so komisch bist?"

"Nein."

"Aha."

Ich setzte mich.

Nahm einen Karottenkeks.

Und plötzlich dachte ich:

Vielleicht ist das gar nicht so schlimm.

Heute muss ich nicht die Welt erobern.

Heute muss ich nicht besonders lustig sein.

Nicht besonders produktiv.

Nicht einmal besonders gut drauf.

Heute darf ich einfach ein bisschen wähhh sein.

Ich biss in den Karottenkeks.

Er schmeckte wieder ein kleines bisschen besser.

Noch nicht hui.

Aber auch nicht mehr ganz so wähhh.

Und wisst ihr was?

Das reicht für heute vielleicht schon.

Denn ein schlechter Tag ist noch lange kein schlechtes Leben.

Und manchmal besteht Mut nicht darin, einen grauen Tag unbedingt sonnig machen zu wollen.

Sondern darin, ihm zu erlauben, grau zu sein…

…und trotzdem darauf zu vertrauen, dass die Sonne noch da ist.

Auch wenn man sie gerade nicht sieht.

Vielleicht ist das eben auch Leben.

Mal hui.

Mal wähhh.

Und vermutlich wäre selbst hui irgendwann ziemlich wähhh, wenn immer nur hui wäre.

Winnie out.

PS:
Ich habe übrigens beschlossen, das Wähhh weiter wissenschaftlich zu untersuchen.

Bisherige Ergebnisse:

Schafuccino: unschuldig.
Wetter: vermutlich unschuldig.
Hilde: Ermittlungen auf ausdrücklichen Wunsch der Verdächtigen eingestellt.
Karottenkekse: wirken verzögert.

Ich bleibe dran.

PPS:
Falls morgen wieder hui ist, werde ich selbstverständlich untersuchen, warum.

Man kann schliesslich nicht einfach grundlos glücklich sein.

Das wäre ja völlig unseriös.

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