Selbstverständlich?!

…oder warum plötzlich nichts mehr selbstverständlich war.
Aso… aso… es isch eso…
…heute Morgen trank ich meinen Schafuccino.
Wie jeden Morgen.
Er stand auf dem Tisch.
Warm.
Mit Schaum.
Daneben drei Karottenkekse.
Wie immer.
Hilde war im Garten.
Pfüddi fuhr mit seinem Dreirad über Dinge, über die man mit einem Dreirad eigentlich nicht fahren sollte.
"Mmpff!"
Die Sonne schien.
Alles ganz normal.
Alles selbstverständlich.
…
Dann blieb ich an diesem Wort hängen.
Selbstverständlich.
Eigentlich ein interessantes Wort.
Etwas versteht sich…
…von selbst.
Das ist praktisch.
Dann muss man es nicht mehr verstehen.
Ich nahm einen Schluck Schafuccino.
Und dachte:
Was ist eigentlich wirklich selbstverständlich?
Das müsste sich herausfinden lassen.
Ich holte Papier.
Oben schrieb ich:
LISTE DER SELBSTVERSTÄNDLICHEN DINGE
Sehr gute Überschrift.
Darunter schrieb ich:
1. Schafuccino am Morgen
Selbstverständlich.
2. Karottenkekse
Extrem selbstverständlich.
3. Hilde
Natürlich.
4. Pfüddi
"MMPFF!"
Auch.
5. Unser Haus
6. Warmes Wasser
7. Essen
8. Gesundheit
9. Sonne
10. Luft
Ich betrachtete meine Liste.
Nicht schlecht.
Zehn selbstverständliche Dinge in weniger als drei Minuten.
Ich war offenbar sehr gut in Selbstverständlichkeiten.
Also machte ich weiter.
11. Freunde
12. Der Garten
13. Dass ich sehen kann
14. Dass ich hören kann
15. Dass morgen wieder ein Tag kommt
Bei Nummer 15 hielt ich kurz inne.
Das war schon ziemlich grundsätzlich.
Ich beschloss, Möbi meine Liste zu zeigen.
Der würde beeindruckt sein.
Möbi sass auf seiner Gartenbank.
Natürlich mit seinem Notizblock.
"Möbi?"
"Ja?"
"Ich habe etwas herausgefunden."
Er sah auf das Blatt in meiner Hand.
"Wie schlimm ist es?"
"Überhaupt nicht schlimm."
"Das sagst du immer."
Ich setzte mich neben ihn.
Dann hielt ich ihm stolz meine Liste hin.
"Selbstverständliche Dinge."
Möbi las.
Dann schaute er mich an.
"Was?"
"Schafuccino?"
"Selbstverständlich."
"Warum?"
"Weil ich jeden Morgen einen habe."
"Und woher kommt er?"
"Aus meiner Tasse."
Möbi schwieg.
Ich merkte selber, dass das nicht meine beste Antwort gewesen war.
"Also gut. Hilde macht ihn."
"Warum?"
"Weil…"
Ich schaute Richtung Garten.
Hilde stand bei ihren Pflanzen.
"…weil sie ihn mir macht."
"Und muss sie das?"
"Nein."
Möbi nahm seinen Stift.
Dann strich er:
1. Schafuccino am Morgen
durch.
"HEY!"
"Nicht selbstverständlich."
"Moment! Das war ein sehr guter Punkt."
"Offenbar nicht."
Ich nahm ihm das Blatt weg.
"Karottenkekse!"
"Was ist damit?"
"Die sind selbstverständlich."
"Woher kommen sie?"
"Aus der Dose."
Möbi schaute mich an.
Schon wieder dieser Blick.
"Die Dose produziert keine Karottenkekse."
"Das wäre aber eine ausgezeichnete Erfindung."
"Winnie."
"Schon gut."
Ich dachte nach.
"Jemand muss sie backen."
"Und vorher?"
"Braucht man Zutaten."
"Und vorher?"
"Karotten."
"Und vorher?"
"Jemand muss Karotten anbauen."
"Und was brauchen Karotten?"
"Erde."
"Und?"
"Wasser."
"Und?"
"Sonne."
"Und?"
"Möbi?"
"Ja?"
"Wenn du so weitermachst, brauche ich für einen Karottenkeks bald den gesamten Planeten."
Möbi lächelte.
Dann strich er:
2. Karottenkekse
durch.
Ich begann ihn nicht mehr zu mögen.
"Na gut. Hilde."
Möbi hob den Stift.
"NEIN!"
Er hielt inne.
"Was?"
"Hilde streichst du nicht durch."
"Warum nicht?"
"Weil Hilde selbstverständlich da ist."
Möbi sagte nichts.
Er musste auch nichts sagen.
Ich schaute zu ihr.
Sie kniete im Garten und werkelte an irgendeinem Pflänzchen herum.
Vermutlich Fusscreme.
Ich wusste es nicht.
Plötzlich gefiel mir mein Satz nicht mehr.
Hilde ist selbstverständlich da.
Nein.
War sie nicht.
Sie war da.
Das war etwas anderes.
Ich nahm Möbi den Stift aus der Hand.
Und strich Hilde selber durch.
Nicht Hilde natürlich.
Den Punkt.
Das wäre sonst ein ganz anderer Blogbeitrag geworden.
Dann sah ich auf:
4. Pfüddi
"MMPFF!"
Er fuhr gerade mit seinem Dreirad gegen den Gartenzaun.
"Mmpff?"
Ich strich auch ihn durch.
Dann unser Haus.
Warmes Wasser.
Essen.
Freunde.
Den Garten.
Gesundheit.
Dass ich sehen konnte.
Dass ich hören konnte.
Bei jedem Punkt wollte ich zuerst sagen:
Aber das ist doch selbstverständlich!
Und bei jedem Punkt merkte ich nach ein paar Sekunden:
Nein.
Eigentlich nicht.
Irgendwann blieb nur noch:
9. Sonne
Ich zeigte darauf.
"Ha!"
"Was?"
"Die Sonne."
"Was ist mit ihr?"
"Die ist nun wirklich selbstverständlich."
"Warum?"
"Weil sie jeden Morgen aufgeht."
Möbi schaute mich an.
"Winnie?"
"Ja?"
"Etwas wird nicht selbstverständlich, nur weil es jeden Tag passiert."
…
Ich sah wieder auf das Blatt.
Das war gemein.
Denn irgendwie wusste ich sofort, dass er recht hatte.
Ich strich die Sonne durch.
Dann die Luft.
Dann Nummer 15.
Dass morgen wieder ein Tag kommt.
Ich hielt den Stift kurz darüber.
Dann strich ich auch das durch.
Jetzt war die Liste leer.
Also…
…nicht wirklich leer.
Sie war voller Dinge.
Aber alle waren durchgestrichen.
Ich hielt sie hoch.
"Möbi?"
"Ja?"
"Das ist eine ziemlich schlechte Liste."
Möbi sah sie an.
Dann mich.
"Vielleicht ist es eine ziemlich gute."
…
Natürlich.
Da war er wieder.
Der Möbi-Satz.
Ich betrachtete das Blatt.
"Also ist gar nichts selbstverständlich?"
"Was meinst du?"
"ICH stelle hier die Fragen."
"Seit wann?"
"Seit ungefähr jetzt."
Möbi grinste.
Ich schaute wieder auf meine Liste.
Hilde.
Pfüddi.
Freunde.
Gesundheit.
Ein Zuhause.
Wasser.
Essen.
Sonne.
Luft.
Morgen.
Alles war noch da.
Nur das Wort selbstverständlich war verschwunden.
Und plötzlich passierte etwas Seltsames.
Die Dinge wurden dadurch nicht weniger.
Sie wurden…
…mehr.
Ich sah wieder zu Hilde.
Vorhin war sie einfach im Garten gewesen.
Jetzt sah ich sie dort stehen und dachte:
Sie ist da.
Nicht:
Natürlich ist sie da.
Nicht:
Sie gehört eben hierher.
Einfach:
Sie ist da.
Und aus irgendeinem Grund fühlte sich dieser kleine Unterschied plötzlich riesig an.
Pfüddi raste vorbei.
"MMPFF!"
Normalerweise hätte ich gesagt:
"NICHT DURCH DIE BLUMEN!"
Diesmal dachte ich:
Er ist da.
Dann fuhr er durch die Blumen.
"MMPFF!"
"PFÜDDI!"
Gut.
Dankbarkeit hat Grenzen.
Aber trotzdem.
Ich nahm meinen Schafuccino.
Er war inzwischen kalt.
Vor einer Stunde hätte mich das geärgert.
Jetzt hielt ich die Tasse in der Hand und dachte:
Da ist Kaffee drin.
Milch.
Wasser.
Jemand hat ihn gemacht.
Ich habe Hände, mit denen ich die Tasse halten kann.
Einen Mund, mit dem ich trinken kann.
Einen Garten, in dem ich sitzen kann.
Menschen – und Schafe – um mich herum.
Und plötzlich kam mir mein kalter Schafuccino…
…ziemlich luxuriös vor.
"Möbi?"
"Ja?"
"Das ist komisch."
"Was?"
"Vorhin hatte ich genau dasselbe wie jetzt."
"Ja."
"Aber jetzt fühlt es sich nach mehr an."
Möbi nickte.
"Warum?"
Er nahm einen Schluck von seinem Schafuccino.
Seiner war natürlich noch warm.
Professoren haben bei solchen Dingen offenbar Vorteile.
Dann sagte er:
"Vielleicht weil du gerade aufgehört hast, nur das zu sehen, was dir fehlt – und für einen Moment gesehen hast, was alles da ist."
Ich wurde still.
Diesmal länger.
Sehr viel länger.
Möbi schaute mich schon etwas besorgt an.
"Alles in Ordnung?"
"Ja."
Ich sah mich um.
Und plötzlich dachte ich an all die Dinge, über die ich mich manchmal ärgerte.
Dass etwas nicht so lief, wie ich wollte.
Dass jemand etwas Blödes sagte.
Dass ich warten musste.
Dass etwas kaputt ging.
Dass mein Schafuccino kalt wurde.
Dass irgendwo eine Socke verschwunden war.
Gut.
Das mit der Socke ist ernst.
Aber vieles andere…
…wurde plötzlich ziemlich klein.
Nicht weil es nicht mehr wichtig war.
Sondern weil daneben auf einmal so unglaublich viel stand, das ich vorher gar nicht mehr gesehen hatte.
Vielleicht war Demut genau das.
Nicht sich selbst kleinzumachen.
Sondern zu merken, dass man Teil von etwas ist, das man nicht selbst gemacht hat.
Dass einem vieles gegeben wurde, ohne dass irgendwo stand, dass man Anspruch darauf hat.
Ich hatte plötzlich nicht das Gefühl, besonders viel zu besitzen.
Eigentlich war es genau andersherum.
Ich begriff, dass mir nichts davon versprochen worden war.
Und aus irgendeinem Grund fühlte sich genau dadurch alles nach unglaublich viel an.
Ich schaute auf meine durchgestrichene Liste.
Vielleicht war selbstverständlich eines dieser Wörter, die Dinge kleiner machen, ohne dass man es merkt.
Man sagt:
"Natürlich."
"Wie immer."
"Ist halt so."
Und irgendwann sieht man nicht mehr, was da eigentlich gerade vor einem steht.
Vielleicht brauchte ich deshalb gar nicht mehr.
Vielleicht musste ich nur manchmal wieder sehen, was schon da war.
Was ich gelernt habe
Etwas wird nicht selbstverständlich, nur weil es jeden Tag passiert.
Gewohnheit kann Dinge unsichtbar machen, ohne dass sie verschwinden.
Demut bedeutet nicht, sich kleinzumachen.
Manchmal verändert sich nicht das Leben, sondern nur der Massstab, mit dem man es betrachtet.
Dankbarkeit entsteht vielleicht nicht dadurch, dass man mehr bekommt, sondern dadurch, dass man wieder bemerkt, was man längst hat.
Und Pfüddi fährt auch dann durch die Blumen, wenn man gerade einen philosophischen Moment hat.
Am Abend sass ich auf dem Sofa.
Hilde kam herein.
Ich schaute sie an.
Sie blieb stehen.
"Winnie?"
"Ja?"
"Warum schaust du mich so an?"
"Ich bin dankbar."
Sie wurde sofort misstrauisch.
"Wofür?"
"Für dich."
Sie sagte nichts.
Aber ihr Blick wurde weicher.
"Für Pfüddi."
Sie musterte mich fragend.
"Für unser Zuhause."
Ihre Augen wurden zusehends glänzender.
"Für meinen Schafuccino."
"Winnie?"
"Ja?"
"Im Normalfall würde ich denken, dass du was angestellt hast."
…
Ihr Hildeblick "röhrender Hirsch mit Heuschnupfen" war verschwunden.
Stattdessen schaute sie mich plötzlich ganz lieb an.
Das war fast noch beunruhigender.
Ich seufzte.
"Möbi!"
Aus dem Garten hörte ich:
"Was?"
"Das mit der Dankbarkeit hat offenbar noch andere Auswirkungen!"
Hilde verschränkte die Arme.
"WINNIE!"
Ich lächelte.
Sie war da.
Und in diesem Moment war selbst das…
…alles andere als selbstverständlich.
Winnie out. 😁
