Schafuccino-Festival

…oder warum ich plötzlich mehr über Damenhandtaschen wusste als geplant
Aso… aso… es isch eso…
…am sechsten Ferientag hatte ich ein ganz besonderes Ziel.
In der Stadt sollte das erste Internationale Schafuccino-Festival stattfinden.
So stand es jedenfalls in meinem Prospekt.
Schafuccino…
International…
Festival…
Da musste ich natürlich hin.
Ich winkte also ein Taxi heran.
Der Fahrer fragte:
"Where to?"
Ich zeigte stolz auf den Prospekt.
Er nickte sofort.
"Aaaahhh… yes, yes!"
Das klang ausgesprochen kompetent.
Nach ungefähr zwanzig Minuten hielt das Taxi vor einem riesigen Ausstellungsgebäude.
Vor dem Eingang standen auffallend viele Schafe.
Genauer gesagt…
…fast ausschliesslich Schafladys.
Ich freute mich.
"Wow!"
"Schön, dass sich so viele Frauen für Schafuccino interessieren."
Das hätte ich nun wirklich nicht erwartet.
Ich bezahlte den Fahrer.
Er grinste.
Heute weiss ich auch warum.
Drinnen bekam ich ein Eintrittsbillett.
Nicht ganz günstig.
Ich dachte noch:
Schafuccino scheint inzwischen ein richtig grosses Geschäft geworden zu sein.
Dann öffnete sich die erste Tür.
Und ich blieb stehen.
Überall…
Handtaschen.
Kleine.
Grosse.
Runde.
Eckige.
Bunte.
Schwarze.
Mit Gold.
Mit Silber.
Mit Glitzer.
Mit noch mehr Glitzer.
Ich runzelte die Stirn.
"Interessant…"
"Offenbar transportiert man Schafuccino heutzutage etwas eleganter."
Ich ging weiter.
An jeder zweiten Tasche stand ein Name.
Lui Widdu.
Schanel.
Pradaaahhh.
Hermäääs.
Ich hatte von diesen Schafuccino-Herstellern ehrlich gesagt noch nie gehört.
Aber offensichtlich mussten sie weltbekannt sein.
Überall hörte ich begeisterte Stimmen.
"Ohhhh!"
"Ahhhh!"
"Unglaublich!"
Ich nickte ebenfalls.
Man will ja nicht unangenehm auffallen, zudem bin ich ein Kultur-Schaf.
Vor einer besonders grossen Tasche blieb ich stehen.
Ich studierte sie bestimmt fünf Minuten lang.
Dann fragte ich die Dame neben mir:
"Entschuldigung…"
"Ja?"
"Wie viele Liter Schafuccino passen da ungefähr hinein?"
Sie schaute mich an.
Ich lächelte freundlich.
Sie schaute nochmals.
Dann ging sie wortlos weiter.
Vermutlich musste sie meine Frage erst einmal verarbeiten.
Je länger ich durch die Ausstellung lief…
…desto grösser wurde meine Verwirrung.
Nicht eine einzige Kaffeemaschine.
Keine Tasse.
Kein Milchschaum.
Nicht einmal ein Karottenkeks.
Dafür Handtaschen.
Handtaschen.
Und…
…Handtaschen.
Schliesslich sprach mich eine Angestellte der Ausstellung an.
"Gefällt Ihnen unsere Ausstellung?"
"Sehr."
"Welche Marke gefällt Ihnen am besten?"
Ich zeigte auf eine besonders grosse Tasche.
"Diese hier."
"Warum gerade diese?"
"Falls man Schafuccino transportieren muss…"
"…passt da bestimmt eine ganze Thermoskanne hinein."
Sie schaute mich einen Moment an.
Dann begann sie so herzlich zu lachen…
…dass sich drei weitere Besucherinnen nach ihr umdrehten.
Als sie sich wieder beruhigt hatte, fragte sie:
"Darf ich Ihren Prospekt einmal sehen?"
Ich reichte ihn ihr.
Sie drehte ihn um.
Dann zeigte sie auf die Rückseite.
Dort stand in grossen Buchstaben:
International Fashion Festival
Nicht…
International Schafuccino-Festival.
Ich hatte die kleine Schrift etwas…
…kreativ interpretiert.
Auf dem Rückweg fragte mich der Taxifahrer:
"Good festival?"
Ich nickte.
"Sehr interessant."
"Coffee?"
"Nein."
"Bags."
Er grinste.
Ich grinste zurück.
Immerhin weiss ich jetzt…
…dass man für eine Handtasche ungefähr so viel bezahlen kann…
…wie für einen Kleinwagen.
Und trotzdem passt kein einziger Schafuccino hinein.
Manchmal fährt man mit einer festen Erwartung los…
…und kommt mit völlig anderem Wissen zurück.
Oder wie ich sagen würde:
Ich habe zwar keinen einziges Schafuccino gesehen…
…dafür weiss ich jetzt, dass Handtaschen offenbar ohne Kaffee unglaublich teuer sind.
Winnie out.
