Manchmal ist es nicht so wie es scheint

…oder warum das, was wir sehen, nicht immer das ist, was passiert.
Aso… aso… es isch eso…
…gestern Abend hatte ich eine Fliege im Wohnzimmer.
Eine.
Sie flog am Fenster vorbei.
Dann an der Lampe.
Dann an mir.
Dann wieder am Fenster vorbei.
Ich habe sie beobachtet.
Hilde auch.
Allerdings unterschiedlich.
Ich dachte:
«Ok… aber wenn du anfängst, hypernervös mit Summton herumzufliegen, ist ein ernstes Gespräch angesagt! »
Hilde dachte:
«Wo ist die Fliegenklatsche?»
«Hilde!»
Sie schaute mich an.
«Was?»
«Die macht doch gar nichts, zumindest noch nicht.»
Die Fliege flog nochmals an mir vorbei.
Bssssssss.
«Siehst du?»
Hilde schaute ihr nach.
«Sie fliegt nur ein bisschen herum.»
Hilde legte die Fliegenklatsche wieder hin.
Ich war zufrieden.
Ich bin nämlich tierlieb.
Sehr sogar.
Und nur weil jemand sechs Beine hat und ohne Bewilligung durch mein Wohnzimmer fliegt, muss man ihn ja nicht gleich totschlagen. Zudem, so lange sie die Mindestflughöhe nicht unterschreitet, ist alles im grünen Bereich....rein aviatikmässig gesehen.
Ich beschloss deshalb…
…die Fliege darf bleiben.
Sie bekam von mir gewissermassen ein vorläufiges Aufenthaltsrecht und eine Bewilligung für ihren Flugplan.
Ohne Formular.
Ohne Stempel.
Und ohne Migrationsamt.
Ich ging ins Bett.
Die Fliege blieb im Wohnzimmer.
Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste:
Sie hatte meine Gastfreundschaft offenbar völlig falsch verstanden.
Am nächsten Morgen ging ich zur Arbeit.
Die Fliege war noch da.
«Morgen.»
Bssssssss.
«Ja. Dir auch.»
Dann ging ich.
Als ich am Abend nach Hause kam…
…war es merkwürdig ruhig.
Ich zog meine Schuhe aus.
Hängte meine Jacke auf.
Ging ins Wohnzimmer.
Und blieb stehen.
Am Fenster waren Fliegen.
Viele Fliegen.
Sehr viele Fliegen.
Ich trat näher.
Noch mehr Fliegen.
Am zweiten Fenster ebenfalls.
Und am dritten…
…auch.
Ich habe sie nicht gezählt.
Aber es waren bestimmt mehrere hundert.
Vielleicht 300.
Vielleicht 500.
Vielleicht auch 700.
Ab einer gewissen Anzahl spielt das keine Rolle mehr.
Dann sind es einfach:
ZU VIELE FLIEGEN.
Ich stand mitten im Wohnzimmer.
Um mich herum:
Bssss.
Bssssssss.
Bssss.
BSSSSSSSSSSSS.
Ich dachte nach.
Gestern:
eine Fliege.
Heute:
mehrere hundert Fliegen.
Das konnte kein Zufall sein.
So schnell vermehren sich nicht einmal Kaninchen.
Glaube ich.
Und dann…
…sah ich Picks.
Er sass draussen auf dem Fenstersims.
Ganz ruhig.
Ich schaute ihn an.
Er schaute mich an.
Ich schaute zu den Fliegen.
Dann wieder zu Picks.
Und plötzlich…
…ergab alles Sinn.
«HILDE!!!»
Hilde kam ins Wohnzimmer.
«Was ist?»
Ich zeigte auf Picks.
«Er war es.»
Hilde schaute auf Picks.
Dann auf mich.
«Wer war was?»
«Picks!»
«Was hat Picks gemacht?»
Ich zeigte auf die Fenster.
«Das!»
Hilde schaute zu den Fliegen.
Dann wieder zu mir.
«Picks hat die Fliegen gebracht?»
Ich nickte.
Natürlich hatte er die Fliegen gebracht.
Das war doch offensichtlich.
Picks ist eine Mücke.
Fliegen sind Fliegen.
Und beide fliegen.
Also kennen die sich!
Wahrscheinlich gibt es da Netzwerke.
Vielleicht sogar Vereine.
Fliegende Insekten Schweiz.
Oder so.
Und jetzt verstand ich auch, warum.
«Das ist ein Ablenkungsmanöver!»
Hilde sagte nichts.
Das macht sie manchmal, wenn sie mir geistig nicht mehr folgen kann.
Also erklärte ich es ihr.
«Du jagst immer Picks.»
Hilde nickte langsam.
«Und?»
«Jetzt hast du 500 Fliegen im Haus.»
Hilde schaute wieder zum Fenster.
«Und?»
«Dann hast du keine Zeit mehr für Picks!»
Stille.
Bssssssss.
Ich zeigte auf Picks.
«Der hat sich Verstärkung organisiert.»
Picks putzte sich gerade ein Bein.
Ganz demonstrativ.
Typisch.
Wenn man erwischt wird, tut man so, als würde man sich ein Bein putzen.
«Das ist eine militärische Ablenkungsoperation.»
Hilde sah mich an.
«Von einer Mücke?»
«Nicht von einer Mücke, Hilde.»
Ich deutete auf Picks.
«Von dieser Mücke.»
Das ist ein Unterschied.
Picks war schliesslich schon einmal in Mückistan gewesen.
Wer weiss, was er dort gelernt hatte.
Vielleicht gab es dort Ausbildungslager.
Tarnung.
Geheimdienste.
Strategische Fliegenführung.
Vielleicht war Picks inzwischen sogar General.
General Picks mit fünf Sternen und der Lizenz zum Stechen!
Oder....
....Kommandant der 1. Fliegenstaffel.
Ich setzte mich.
Das war ernst.
Sehr ernst.
Wenn Picks tatsächlich mehrere hundert Fliegen mobilisieren konnte…
…was kam als Nächstes?
Wespen?
Hornissen?
Oder…
…Libellen?
Libellen wären schlimm.
Die sind schnell.
Eine halbe Stunde später kam Möbi vorbei.
Er blieb im Wohnzimmer stehen.
Schaute zu den Fenstern.
«Oh.»
Ich nickte.
«Picks!»
Möbi schaute mich an.
«Picks?»
«Ablenkungsmanöver.»
Ich erklärte ihm alles.
Die einzelne Fliege.
Meine Tierliebe.
Die Nacht.
Die Invasion.
Picks.
Mückistan.
Die Fliegenstaffel.
Und General Picks.
Möbi hörte aufmerksam zu.
Dann ging er zum Fenster.
Er betrachtete die Fliegen.
Schaute hinter den Vorhang.
Dann ging er in die Küche.
Kurz darauf kam er zurück.
In der Hand hielt er…
…einen Abfallsack.
Hilde schaute mich an.
Ich schaute Möbi an.
Möbi schaute auf den Abfallsack.
«Der stand offenbar etwas zu lange in der Küche.»
Ich sagte nichts.
Möbi stellte ihn vor die Tür.
Dann öffnete er die Fenster.
Einige Fliegen flogen hinaus.
Andere blieben sitzen.
Picks übrigens auch.
Der sass noch immer draussen auf dem Fenstersims.
Ich sah ihn an.
Er sah mich an.
Und ich bin ziemlich sicher…
…dass er grinste.
Er kannte Hilde inzwischen schliesslich auch schon ziemlich gut.
Und vermutlich wusste er genau, dass die Fliegen mein kleineres Problem waren.
Das grössere…
…stand direkt hinter mir.
Möbi setzte sich zu mir.
«Weisst du, Winnie…»
Oh.....
Jetzt kam wieder so etwas.
«…eigentlich hast du gar nichts falsch gesehen.»
Ich schaute ihn an.
«Nicht?»
«Nein.»
Er zeigte zum Fenster.
«Die Fliegen sind tatsächlich da.»
Ich nickte.
«Picks auch.»
Ich nickte wieder.
«Und Hilde jagt Picks tatsächlich manchmal durchs Wohnzimmer.»
Hilde verschränkte die Arme.
Wahrscheinlich wegen des Mülls.
Den hatte ich nämlich…
…offenbar "vergessen" runter zu bringen..
Kann passieren.
Möbi fuhr fort:
«Alle deine Beobachtungen waren richtig.»
Ich wartete.
«Du hast sie nur falsch miteinander verbunden.»
Ich schaute zu Picks.
Dann zu den Fliegen.
Dann zum Abfallsack vor der Tür.
Hm.
Das war irgendwie…
…unangenehm logisch.
Möbi nahm seinen Notizblock hervor und schrieb etwas hinein.
Ich beugte mich hinüber.
Darauf stand:
Wir sehen die Welt nicht nur.
Wir erzählen uns gleichzeitig eine Geschichte darüber.
Darunter schrieb er:
Und manchmal stimmen alle Einzelheiten – nur die Geschichte nicht!
Ich dachte darüber nach.
Dann schaute ich nochmals zu Picks.
Picks flog davon.
Einfach so.
Phiiiiii.
Vielleicht hatte Möbi recht.
Vielleicht hatte Picks mit der ganzen Sache tatsächlich überhaupt nichts zu tun.
…
…
…
Aber warum ist er dann genau heute am Fenster gesessen?
Eben.
Man muss ja auch nicht alles glauben, was ein Professor sagt
Winnie out
PS. Die Standpauke von Hilde wegen des Mülls war … aber lassen wir das. Das ist eine andere Geschichte, bei der leider sowohl die Einzelheiten als auch die Geschichte stimmen.
P.P.S.
Falls du jetzt gerade denkst:
«Moment mal… Fliegen? Schon wieder? Die hatten wir doch gestern schon!»
Stimmt.
Sehr gut aufgepasst.
Und nein…
…mir sind nicht plötzlich die Ideen ausgegangen.
Dass innerhalb von zwei Tagen zweimal ziemlich viele Fliegen durch mein Haus fliegen, ist vollkommen beabsichtigt.
Denn obwohl es in beiden Geschichten um beinahe dasselbe geht…
…geht es eigentlich um etwas völlig anderes.
Und genau darin steckt etwas, das viel grösser ist als ein paar hundert Fliegen.
Möbi meint jedenfalls, wir sollten uns morgen einmal beide Geschichten nebeneinander anschauen.
Ich habe keine Ahnung, warum.
Aber wenn Möbi so etwas sagt…
…kommt meistens etwas dabei heraus, bei dem ich hinterher über mein eigenes Hirn nachdenken muss.
Also bis morgen.
Die Fliegen dürfen übrigens draussen bleiben.
