Ich bin doch kein Hamster!

…oder warum 4,7 Kilometer manchmal exakt null Meter sind.
Aso… aso… es isch eso…
Ich habe heute etwas entdeckt.
Etwas Beunruhigendes.
Die Schafe haben ein Problem.
Und wie so oft wissen sie nichts davon.
Sie stehen morgens auf.
Gehen ins Bad.
Machen Kaffee.
Schauen aufs Handy.
Gehen arbeiten.
Lesen Mails.
Schreiben Mails.
Beantworten Mails, die sie bekommen haben, weil sie vorher Mails geschrieben haben.
Dann essen sie etwas.
Arbeiten weiter.
Kaufen ein.
Gehen nach Hause.
Essen.
Schauen Fernsehen.
Schauen nochmals aufs Handy.
Gehen schlafen.
Und am nächsten Morgen…
stehen sie auf.
Gehen ins Bad.
Machen Kaffee.
Schauen aufs Handy.
Ich habe Möbi gefragt, wie lange Schafe das machen.
Er sagte:
"Manche jahrzehntelang."
Ich erschrak.
"Ohne dass jemand etwas dagegen unternimmt?"
"Was sollte man denn dagegen unternehmen?"
"Weiss ich nicht. Aber jahrzehntelang klingt nach einer ziemlich schweren Erkrankung."
Möbi seufzte.
Dann erklärte er mir, dass Schafe Gewohnheiten brauchen.
Das Gehirn automatisiert nämlich viele Dinge, damit wir nicht über jede Kleinigkeit neu nachdenken müssen.
Sonst müssten wir morgens bereits überlegen:
Wie putze ich Zähne?
Welcher Schuh kommt an welchen Fuss?
Wie öffnet man eine Tür?
Und warum steht dieses Schaf neben mir im Badezimmer?
Gut.
Bei Hilde frage ich mich das manchmal trotzdem.
Vor allem weil sie morgens selten so aussieht, als hätte sie dort freiwillig auf mich gewartet.
Aber grundsätzlich leuchtete mir Möbis Erklärung ein.
Gewohnheiten sind praktisch.
Sehr sogar.
Ich habe zum Beispiel die Gewohnheit, morgens einen Schafuccino zu trinken.
Hilde hat die Gewohnheit, mir zu sagen, ich solle den Müll rausbringen.
Und ich habe die Gewohnheit, das zu vergessen.
Das funktioniert seit Jahren ausgezeichnet.
Also zumindest für mich.
Das Problem ist nur:
Manchmal automatisiert man irgendwann nicht mehr nur das Zähneputzen.
Sondern…
sein Leben.
Das fand ich bedenklich.
Also musste ich das untersuchen.
Das Experiment
Ich besorgte mir ein Hamsterrad.
Ein grosses.
Ein sehr grosses.
Genauer gesagt:
HamsterRun Professional XL 8000.
Mit digitalem Kilometerzähler.
Pulsmesser.
Getränkehalter.
Not-Aus-Schalter.
Navigationsgerät.
Und einem kleinen Fach für Karottenkekse.
Das Fach war für die Wissenschaft besonders wichtig.
Hilde stand im Wohnzimmer und betrachtete es.
Dann mich.
Dann wieder das Hamsterrad.
"Warum steht ein Hamsterrad in unserem Wohnzimmer?"
"Wissenschaft."
"Raus."
"Ich habe noch gar nicht angefangen."
"Raus!"
"Es hat einen Not-Aus-Schalter."
Hilde schaute mich an.
"Den brauche ich vermutlich eher für dich."
Ich erklärte ihr, dass ich herausfinden müsse, wie weit man in einem Hamsterrad laufen könne.
Hilde betrachtete mich nochmals.
Dann setzte sie sich aufs Sofa.
Ich stieg hinein.
Ich stellte das Navigationsgerät auf:
Geradeaus.
Das schien mir für ein Hamsterrad sinnvoll.
Dann lief ich los.
Zuerst langsam.
Dann schneller.
Nach fünf Minuten sagte das Navi:
"Wenn möglich, bitte wenden."
Ich ignorierte es.
Nach sieben Minuten:
"Route wird neu berechnet."
Nach neun Minuten:
"Bitte wenden."
"Geht nicht!", rief ich.
Hilde schaute vom Sofa herüber.
"Mit wem redest du?"
"Navigation."
"Natürlich."
Nach zehn Minuten schwitzte ich.
Nach zwanzig Minuten sehr.
Nach fünfundzwanzig Minuten waren die Karottenkekse leer.
Das war ein schwerwiegender Mangel.
Nach dreissig Minuten zeigte meine Messapparatur:
4,7 Kilometer.
Ich war beeindruckt.
Ich blieb stehen.
Schaute mich um.
Das Sofa stand noch da.
Hilde sass noch darauf.
Möbi stand noch neben dem Fenster.
Sogar mein Schafuccino stand noch genau dort, wo ich ihn abgestellt hatte.
Ich schaute auf die Anzeige.
4,7 Kilometer.
Dann auf Hilde.
"Ich bin 4,7 Kilometer gelaufen."
"Ja."
"Ich bin aber noch hier."
"Ja."
Ich schaute auf das Navi.
Dort stand:
Zielentfernung: 0 Meter.
Ich betrachtete das Hamsterrad.
"Das ist ja beschissen konstruiert."
Möbi räusperte sich.
"Vielleicht ist nicht das Hamsterrad das Problem."
Ich hasse solche Sätze.
Vor allem von Professoren.
Sie klingen immer so, als müsste man nachher über sich selbst nachdenken.
Vielleicht machen wir genau das jeden Tag
Später sass ich im Sessel.
Mit einem Schafuccino.
Und dachte darüber nach.
Denn vielleicht ist das Hamsterrad gar kein Rad.
Vielleicht sieht es manchmal aus wie ein Kalender.
Oder wie ein Terminkalender.
Wie eine Mailbox.
Wie eine To-do-Liste.
Oder einfach wie ein ganz normaler Dienstag.
Wir erledigen Dinge.
Wir organisieren.
Wir antworten.
Wir fahren irgendwohin.
Wir kommen zurück.
Wir räumen auf.
Wir kaufen ein.
Wir bezahlen Rechnungen.
Wir erledigen noch schnell etwas.
Und dann noch etwas.
Und noch etwas.
Am Abend sind wir müde.
Also müssen wir ziemlich weit gekommen sein.
Oder?
Ich schaute auf mein Hamsterrad.
4,7 Kilometer.
Ich schaute auf meinen Sessel.
Entfernung zum Hamsterrad:
ungefähr drei Meter.
Das war deprimierend.
Vielleicht waren es manchmal einfach nur…
4,7 Kilometer im Hamsterrad.
Die unangenehme Frage
Möbi setzte sich zu mir.
"Weisst du, was interessant wäre?"
"Nein."
Ich wusste aber, dass er es mir trotzdem sagen würde.
Professoren stellen solche Fragen nur aus Höflichkeit.
"Wenn Schafe sich am Abend einmal fragen würden, wie viele Dinge sie heute bewusst entschieden haben."
Ich dachte nach.
Das war tatsächlich interessant.
Nicht:
Was habe ich heute gemacht?
Sondern:
Was davon habe ich bewusst entschieden?
Wann habe ich heute entschieden:
Das möchte ich jetzt tun?
Wann habe ich bewusst entschieden:
Das ist mir wichtig?
Und wann habe ich einfach gemacht…
…weil ich es immer mache?
Ich begann meinen heutigen Tag durchzugehen.
Aufstehen.
"Wecker."
Zähne putzen.
"Gewohnheit."
Schafuccino.
"Freier Wille."
Möbi hob eine Augenbraue.
"Sicher?"
"Absolut."
"Du trinkst jeden Morgen einen."
"Ja. Aus freiem Willen. Jeden Morgen. Zur selben Zeit. Aus derselben Tasse."
Möbi sagte nichts.
Ich wurde unsicher.
"Lass meinen Schafuccino da raus."
Vielleicht würden wir tatsächlich feststellen, dass erstaunlich viele Antworten lauten:
"Keine Ahnung."
"Macht man halt."
"War schon immer so."
"Muss eben."
Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem man das Hamsterrad zum ersten Mal sieht.
Das Blöde daran:
Wenn man es einmal gesehen hat, steht es plötzlich mitten im Wohnzimmer.
Und Hilde will, dass man es wegräumt.
Muss man jetzt sein ganzes Leben ändern?
Nein.
Um Himmels willen.
Das wäre anstrengend.
Und ausserdem hätte ich keine Zeit dafür.
Ich muss morgen wieder ins Hamsterrad.
Aber vielleicht muss man auch gar nicht sofort aussteigen.
Vielleicht reicht zunächst etwas viel Kleineres.
Stehen bleiben.
Nur kurz.
Und sich bei irgendeiner ganz normalen Sache fragen:
Warum mache ich das eigentlich gerade?
Vielleicht lautet die Antwort:
"Weil ich es gerne mache."
Gut.
Weiterlaufen.
Vielleicht lautet sie:
"Weil es notwendig ist."
Auch gut.
Manche Dinge müssen nun einmal gemacht werden.
Zum Beispiel Rechnungen bezahlen.
Ich habe versucht, meiner Bank zu erklären, dass ich aus meinem finanziellen Hamsterrad ausbrechen möchte.
Sie fanden das Konzept weniger überzeugend als ich.
Aber vielleicht lautet die Antwort auch:
"Keine Ahnung. Ich mache das einfach immer so."
Dann könnte man etwas Verrücktes tun.
Etwas anderes.
Nur einmal.
Morgens das Handy liegen lassen.
Einen anderen Weg nehmen.
Den Kaffee trinken, ohne gleichzeitig etwas zu erledigen.
Jemanden anrufen, an den man gerade denkt.
Eine Stunde etwas machen, das überhaupt keinen Nutzen hat.
Oder einfach fünf Minuten irgendwo sitzen.
Ohne Ziel.
Ohne Aufgabe.
Ohne etwas optimieren zu müssen.
Ich weiss.
Radikal.
Ich habe es ausprobiert.
Nach zwei Minuten fragte Hilde:
"Was machst du?"
"Nichts."
"Warum?"
"Bewusst."
Sie ging wieder.
Ich glaube, sie macht sich Sorgen.
Mein Experiment für morgen
Möbi sagt, Schafe verändern ihr Leben gerne mit grossen Plänen.
Ich glaube, das ist ein Fehler.
Grosse Pläne brauchen Tabellen.
Tabellen brauchen Ordner.
Ordner brauchen Beschriftungen.
Beschriftungen brauchen Etiketten.
Etiketten brauchen einen Drucker.
Der Drucker braucht neue Patronen.
Die Patronen muss man bestellen.
Dafür braucht man ein Passwort.
Das Passwort hat man vergessen.
Also klickt man auf "Passwort vergessen".
Dann bekommt man eine Mail.
Und plötzlich…
ist man wieder im Hamsterrad.
Ha!
Erwischt.
Deshalb machen wir es einfacher.
Morgen machst du eine einzige Sache bewusst anders.
Nur eine.
Nicht zehn.
Nicht dein ganzes Leben.
Eine.
Und dann beobachtest du, was passiert.
Vielleicht nichts.
Vielleicht fühlt es sich komisch an.
Vielleicht merkst du plötzlich etwas.
Nämlich, dass du gerade nicht automatisch gehandelt hast.
Sondern entschieden.
Und vielleicht ist genau das schon der erste Schritt.
Nicht aus dem Hamsterrad.
Sondern zu dir selbst.
Was ich gelernt habe
Gewohnheiten sind nicht das Problem.
Sie helfen uns sogar.
Problematisch wird es erst, wenn aus Gewohnheiten irgendwann ein Leben wird, das wir gar nicht mehr bewusst wahrnehmen.
Man kann den ganzen Tag beschäftigt sein.
Man kann unglaublich viel erledigen.
Man kann abends völlig erschöpft ins Bett fallen.
Und trotzdem keinen einzigen Schritt in eine Richtung gegangen sein, die man selbst gewählt hat.
Vielleicht muss man deshalb gar nicht sofort aus dem Hamsterrad ausbrechen.
Vielleicht muss man zuerst nur merken,
dass man in einem sitzt.
Ich werde meines übrigens behalten.
Hilde wollte es wegwerfen.
Aber ich habe herausgefunden, dass man darin hervorragend Wäsche trocknen kann.
Man muss sie nur fest genug anbinden.
Ich habe es ausprobiert.
Bei Stufe drei funktioniert es hervorragend.
Bei Stufe sieben hat Pfüddi seine Socke wiederbekommen.
Sie hing seit Dienstag auf dem Apfelbaum.
Möbi meint, das sei nicht der Sinn eines Hamsterrads.
Aber was weiss der schon.
Er ist Professor.
Und mein Navi sagt inzwischen:
"Sie haben Ihr Ziel erreicht."
Ich sitze immer noch im Wohnzimmer.
Mit diesem Ziel kann ich mich einverstanden geben.
Winnie out.
PS. Den HamsterRun Professional XL 8000 empfehle ich dir übrigens nicht zu kaufen. Es gibt inzwischen eine neuere Version: den HamsterAutoRun XXL-Special 8100. Der hat zusätzlich einen Sessel mit Gurten und eine Vorrichtung mit Motor, die das Rad automatisch dreht, ohne dass ich etwas tun muss.
Ich sage ja: Hamsterrad okay – aber bequem muss es schon sein!
Möbi meint, ich hätte irgendetwas nicht verstanden.
