Hochzeitstag

…oder warum ich Hilde eigentlich immer noch nicht verstanden habe.
Aso… aso… es isch eso…
…vor kurzem war Hochzeitstag.
Nicht meiner.
Der von Gerry und Sandy.
Und weil ich ein aufmerksames Schaf bin, habe ich sofort gemerkt, dass dieser Tag etwas Besonderes sein muss.
Gerry hat nämlich daran gedacht.
Gut.
Vielleicht nicht sofort.
Aber noch rechtzeitig.
Bei Sandy stellt sich diese Frage eh nicht. Frauen haben für solche Tage offenbar eine extra Gedächtnisschublade.
Männer auch.
Wir wissen nur meistens nicht, wo sie ist.
Und ich finde, bei Hochzeitstagen sollte man nicht kleinlich sein.
Da dürfen es schon mal drei Schafuccinos und fünf Karottenkekse sein.
Jedenfalls sass ich heute Morgen bei meinem Schafuccino und dachte darüber nach, was es eigentlich bedeutet, sehr lange mit demselben Menschen verheiratet zu sein. Oder in meinem Fall mit demselben Schaf.
Und da kam mir eine Frage.
"Möbi?"
Möbi blickte von seinem Notizblock auf.
"Wie lange muss man eigentlich verheiratet sein, bis man den anderen vollständig verstanden hat?"
Möbi nahm die Brille ab.
Das macht er immer, wenn er glaubt, dass die Antwort länger dauern könnte.
"Winnie", sagte er. "Ich glaube, das passiert nie."
Ich verschluckte mich fast an meinem Schafuccino.
"Nie?!"
"Nie."
Das konnte nicht stimmen.
Für alles gibt es schliesslich eine Lernkurve.
Also müsste es auch für die Ehe eine geben.
Ich nahm ein Blatt Papier und begann zu notieren.
Jahr 1: Grundlagen kennenlernen.
Jahr 5: Fortgeschrittene Anwendung.
Jahr 10: Fehlermeldungen erkennen.
Jahr 20: Automatische Updates verstehen.
Jahr 30: System läuft – bitte nichts mehr anfassen.
Das erschien mir logisch.
Also beschloss ich, meine Theorie an Hilde zu überprüfen.
Sie kam gerade herein.
Ich sah sie an.
Sehr aufmerksam.
Schliesslich kenne ich diese Schaf-Lady schon ziemlich lange.
"Hilde", sagte ich. "Ich weiss genau, was du möchtest."
Sie sah mich an.
"Du möchtest einen Schafuccino!"
"Nein."
Gut.
Kann passieren.
"Einen Karottenkeks?"
"Nein."
Ich musterte sie noch genauer.
"Ich soll den Müll rausbringen?"
Hilde sagte nichts.
Sie schaute mich nur an.
Ich nickte langsam.
"Aha."
Möbi blickte zu mir.
"Was aha?"
"Fangfrage."
Möbi setzte seine Brille wieder auf.
Hilde schüttelte den Kopf und ging weiter.
Und plötzlich musste ich über etwas nachdenken.
Vielleicht hatte Möbi recht.
Vielleicht kann man einen anderen Menschen tatsächlich niemals vollständig verstehen.
Nicht nach einem Jahr.
Nicht nach zehn.
Und vermutlich auch nicht nach fünfzig.
Denn während man versucht, ihn zu verstehen, verändert er sich.
Und man selbst verändert sich auch.
Vielleicht ist genau das der Punkt.
Vielleicht besteht eine lange Ehe gar nicht darin, irgendwann alles über den anderen zu wissen.
Vielleicht besteht sie darin, immer wieder neugierig auf denselben Menschen zu sein und sein Wesen immer wieder neu zu entdecken.
Zu merken, wenn etwas anders geworden ist.
Mitzugehen.
Manchmal stehen zu bleiben.
Sich manchmal fürchterlich auf die Nerven zu gehen.
Sich zu streiten.
Wieder miteinander zu reden.
Gemeinsam zu lachen.
Und irgendwann zurückzuschauen und festzustellen:
Meine Güte. Wir sind miteinander gewachsen. Und haben uns dabei immer wieder neu ineinander verliebt.
Nicht weil immer alles einfach war.
Sondern weil offenbar keiner von beiden beschlossen hat, den Weg ohne den anderen weiterzugehen.
Ich schaute aus dem Fenster.
Drüben waren Gerry und Sandy.
Ich dachte wieder an ihren Hochzeitstag.
Und auf einmal fand ich diesen Tag viel interessanter als vorher.
Vielleicht feiert man an einem Hochzeitstag nämlich gar nicht, wie viele Jahre man schon zusammen ist.
Vielleicht feiert man etwas ganz anderes.
Dass man sich nach all diesen Jahren noch immer anschaut und sagt:
Komm. Wir gehen den Weg zusammen.
Ich lächelte.
"Eigentlich schön."
Möbi nickte.
Hilde kam wieder herein.
Ich sah sie an.
Sie sah mich an.
Und plötzlich wusste ich genau, was sie wollte.
"Blumen!"
Hilde hob eine Augenbraue.
Ich sprang auf.
"Ich hole Blumen."
"Winnie?"
Ich blieb stehen.
"Ja?"
"Ich wollte nur wissen, ob du heute noch den Müll rausbringst."
…
Aso...aso...es isch eso.....
Man kann ja nicht immer richtigliegen.
Winnie out.
PS.
Das mit dem Streiten bei den beiden ist übrigens so eine Sache.
Ich habe Gerry und Sandy noch nie streiten gehört.
Nicht einmal ein lautes Wort.
Und die sind schon ziemlich lange ein Paar.
Bei Hilde und mir ist das anders.
Wir haben auch ruhige Momente.
Meistens nachts, wenn Hilde schläft.
Oder nicht da ist.
Hmmm …
Ich frage mich gerade, ob Sandy vielleicht auch etwas für mich wäre.
Sie scheint wesentlich ruhiger zu sein, zudem hat sie keine Stinkifüsse.
Andererseits …
Gerry ist ziemlich gross.
Und Hilde ziemlich laut.
Vielleicht sollte ich diesen Gedanken nicht weiterverfolgen.
Man muss eine gute Ehe ja nicht unnötig gefährden.
Vor allem die eigene.
