Hilde hat zwei Gramm zu viel

16.10.2026
Hilde steht wegen zwei Gramm Gewichtszunahme auf der Waage, während Winnie DEFCON 1 ausruft und sich mit Karottenkeksen auf die Katastrophe vorbereitet.
Zwei Gramm zu viel – DEFCON 1 im WinnieVersum

…oder warum kleine Probleme manchmal erstaunlich grosse Vorratslager brauchen.

Aso… aso… es isch eso…

…Hilde ist unzufrieden.

Das kommt vor.

Also…

…bei Hilde öfter.

Ich glaube, Frauen sind grundsätzlich nie ganz zufrieden mit sich.

Ich habe Hilde das einmal gesagt.

Seitdem weiss ich, dass Männer manchmal erstaunlich zufrieden damit sein können, einfach den Mund zu halten.

Jedenfalls stand Hilde heute Morgen auf der Waage.

Ich war gerade dabei, meinen Schafuccino zu trinken.

Plötzlich hörte ich:

"NEIN!"

Ich erschrak.

"Was ist passiert?"

Hilde starrte auf die Waage.

"Ich habe zugenommen!"

Mein erster Gedanke war:

Wie viel?

Mein zweiter:

Warum fragt man so etwas als Mann überhaupt?

Also sagte ich nichts.

Hilde starrte weiter auf die Anzeige.

"Zwei Gramm!"

Ich stellte meinen Schafuccino ab.

"Zwei… was?"

"Gramm!"

Ich wartete.

Vielleicht kam noch etwas.

Zwei Gramm pro Stunde.

Zwei Gramm pro Bein.

Zwei Gramm plus acht Kilo.

Irgendetwas, das die Situation erklären würde.

Kam aber nichts.

"Zwei Gramm?"

"JA!"

Ich sah Hilde an.

Dann die Waage.

Dann wieder Hilde.

Zwei Gramm.

Das ist ungefähr…

…sehr wenig.

Ich weiss nicht einmal, ob man zwei Gramm sehen kann.

Vielleicht mit einer Speziallupe.

Hilde allerdings konnte sie offenbar deutlich sehen.

Vor allem an ihren Füssen.

Sie betrachtete sie kritisch.

"Ich wusste doch, dass die dicker geworden sind."

Ich schaute auf Hildes Füsse.

Das war schwierig zu beurteilen.

Hildes Füsse hatten schon immer eine gewisse…

…landschaftliche Präsenz.

Und nun grösser, gleich mehr Gesta....äh... Duft.  

Ich sagte selbstverständlich nichts.

Ich bin lernfähig.

"Ab heute mache ich Diät!", sagte Hilde.

Und genau in diesem Moment veränderte sich mein Leben.

Diät.

Dieses Wort traf mich völlig unvorbereitet.

Ich sah vor meinem inneren Auge Salat.

Gurken.

Sellerie.

Dinge mit Körnern.

Dinge ohne Geschmack.

Dinge, die gesund aussehen.

Und Schüsseln mit Sachen drin, bei denen man erst nach dem Essen erfährt, dass das Abendessen gewesen ist.

"Was bedeutet Diät?", fragte ich vorsichtig.

"Wir essen ab jetzt gesünder."

Wir!

Da war es.

Das Wort, vor dem ich Angst gehabt hatte.

Nicht:

Ich.

Sondern:

Wir.

In meinem Kopf wechselte die Bedrohungslage augenblicklich auf:

DEFCON 1.

Für alle, die das nicht kennen:

DEFCON ist eine amerikanische militärische Alarmstufe.

DEFCON 5 bedeutet ungefähr:

Alles gut.

DEFCON 1 bedeutet ungefähr:

JETZT WIRD ES RICHTIG UNGEMÜTLICH!

Also…

maximale Alarmbereitschaft.

Unmittelbar bevorstehende Katastrophe.

Streitkräfte bereit.

Bunker auf.

Karottenkekse rein.

Schafuccino sichern.

Pfüddi evakuieren.

Ich weiss nicht, ob die Amerikaner bei DEFCON 1 tatsächlich Karottenkekse einlagern.

Aber vielleicht ist genau das der Grund, weshalb die Situation überhaupt so weit eskaliert ist.

Jedenfalls befanden wir uns eindeutig in einer Krise.

Hilde wollte gesund kochen.

Ich musste handeln.

Sofort.

Natürlich durfte Hilde nichts merken.

Ich ging ins Wohnzimmer.

Setzte mich hin.

Und analysierte die Lage.

Ausgangssituation:

Hilde: zwei Gramm zu schwer.

Konsequenz:

Diät.

Bedrohungslage:

DEFCON 1.
Also akuter als akut. 

Betroffene Bevölkerung:

Ich.

Eventuell Pfüddi.

Verfügbare Reserven:

Eine halbe Packung Karottenkekse.

Das war katastrophal.

Damit würden wir niemals durchkommen.

Ich rechnete.

Wenn ich pro Tag vier Karottenkekse brauche…

Also…

…sechs.

Gut.

Acht.

Man muss bei Krisenvorsorge realistisch bleiben.

Bei acht Keksen pro Tag brauche ich für einen Monat 240 Karottenkekse.

Und wenn der Monat 31 Tage hat, dann sogar 248!

Für ein Jahr 2'920 oder mehr.

Aber niemand wusste, wie lange Hildes Diät dauern würde.

Zwei Gramm können hartnäckig sein.

Ich plante deshalb zunächst für fünf Jahre.

14'600 Karottenkekse.

Plus Sicherheitsreserve.

20 Prozent.

Das ergab…

…viele.

Ich holte Möbi.

"Ich brauche einen krisensicheren Lagerraum."

Möbi sah mich an.

"Wofür?"

"Lebensmittel."

"Warum?"

"Hilde hat zwei Gramm zugenommen."

Möbi wartete.

Ich auch.

"Und?"

"Sie macht Diät."

Möbi schaute mich lange an.

Dann sagte er:

"Winnie, ich sehe den Zusammenhang nicht."

Das war erschreckend.

Von einem Professor hätte ich mehr strategisches Denken erwartet.

Ich erklärte ihm die Versorgungslage.

Den drohenden Karottenkeksmangel.

Die Möglichkeit einer vollständigen Schafuccino-Unterbrechung.

Und die Gefahr, dass irgendwann nur noch Dinge mit Chiasamen im Haus sein könnten.

Bei Chiasamen wurde Möbi kurz nachdenklich.

Ich glaube, jetzt verstand er den Ernst der Lage.

Wir untersuchten mögliche Standorte.

Unter dem Bett?

Zu auffällig.

Im Keller?

Hilde geht in den Keller.

Garage?

Temperaturschwankungen.

Gartenhaus?

Feuchtigkeit.

Hinter dem Sofa?

Zu klein.

In Nachbars Koi-Teich?

Zu viele Mitesser.

Also blieb nur:

Bunker.

Ich begann zu planen.

Drei Meter tief.

Stahlbeton.

Luftfilteranlage.

Notstromaggregat.

Regale für Karottenkekse.

Separater Schafuccino-Bereich.

Kühlzone.

Notausgang.

Und natürlich ein kleiner Aufenthaltsraum.

Man weiss ja nicht, wie lange zwei Gramm dauern.

Pfüddi kam dazu.

"Mmpff."

"Wir bauen einen Bunker."

"Mmpff?"

"Hilde macht Diät."

Pfüddi erstarrte.

Dann schaute er Richtung Küche.

Ich nickte.

"Genau."

Pfüddi verschwand.

Zwei Minuten später kam er zurück.

Mit seinem Nuggi.

Seiner Kuscheldecke.

Und drei Keksen.

Der Junge denkt mit.

Am Nachmittag begann ich mit der Beschaffung.

Karottenkekse.

Schokolade.

Chips.

Nüsse.

Notfallkekse.

Reservekekse.

Kekse für besondere Notfälle.

Und eine Packung Kekse, die wir nur öffnen würden, falls wirklich alles verloren ist.

Ich beschriftete die Kisten.

VERSORGUNG WOCHE 1–4

LANGZEITRESERVE

ABSOLUTER NOTFALL

LETZTER WIDERSTANDSKEKS

Bei der letzten Kiste überlegte ich kurz.

Vielleicht war die Beschriftung taktisch nicht optimal.

Dann kam Hilde herein.

Sie betrachtete die Kisten.

Dann mich.

Dann Pfüddi.

Pfüddi sass auf einer Packung Karottenkekse.

"Was macht ihr da?"

Ich musste schnell reagieren.

"Nichts."

Hilde zeigte auf ungefähr 600 Karottenkekse.

"Was ist das?"

"Vorräte."

"Wofür?"

Jetzt wurde es schwierig.

"Für…"

Ich dachte nach.

"…den Winter wenn es kalt ist."

Hilde sah aus dem Fenster.

Es war September.

"Winnie?!"

"Ja?"

"Wir haben eine Heizung."

Verdammt.

Daran hatte ich nicht gedacht.

Also erklärte ich ihr alles.

Die zwei Gramm.

Die Diät.

Die daraus resultierende Versorgungskrise.

Die Berechnungen.

Den geplanten Bunker.

Und die strategische Karottenkeksreserve für mindestens fünf Jahre.

Hilde hörte schweigend zu.

Dann ging sie zur Küche.

Kam zurück.

Und legte zwei Karottenkekse auf die Waage.

Die Anzeige sprang um.

14 Gramm.

Hilde sah mich an.

"Weisst du, was das bedeutet?"

Ich überlegte.

"Dass wir noch mehr Vorräte brauchen?"

"Nein."

Sie nahm einen Keks.

Biss hinein.

Und sagte:

"Dass meine zwei Gramm für dich ungefähr so bedeutend sind wie ein Siebtel Karottenkeks."

Ich schaute auf den Keks.

Dann auf Hilde.

Dann auf meine Vorräte.

Dann auf den Plan für den unterirdischen Schutzbunker.

Hm.

Vielleicht…

…hatte ich tatsächlich ein kleines bisschen übertrieben.

Aber nur ein kleines bisschen.

Schliesslich waren es zwei ganze Gramm.

Und irgendwo muss man anfangen.

PS:
Am Abend stellte sich heraus, dass Hilde gar nicht zwei Gramm zugenommen hatte.

Die Waage stand leicht schief.

Nachdem wir sie richtig hingestellt hatten, wog Hilde sogar drei Gramm weniger als vorher.

Damit war die Krise offiziell beendet.

PPS:
Ich habe vorgeschlagen, den Bunkerbau trotzdem fortzusetzen.

Man weiss nie.

Vielleicht nimmt Hilde irgendwann vier Gramm zu.

Dann möchte ich vorbereitet sein.

PPPS:
Möbi meinte später, wir Schafe seien erstaunlich gut darin, aus etwas Winzigem gedanklich eine Katastrophe zu bauen.

Ein Blick.

Ein Satz.

Eine Zahl auf einer Waage.

Etwas, das morgen vielleicht schon völlig bedeutungslos ist.

Und plötzlich beschäftigen wir uns damit, als hinge unser ganzes Leben davon ab.

Ich fand das sehr klug.

Deshalb habe ich meinen Bunkerplan geändert.

Er bekommt jetzt zusätzlich einen Raum zum Nachdenken.

Direkt neben dem Karottenkekslager.

PPPPS:
Hilde hat übrigens beschlossen, keine Diät zu machen.

Ich habe jetzt 600 und ein paar mehr Karottenkekse.

Es hätte schlimmer kommen können.

Winnie out.

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