Heute ist irgendwie alles doof

…oder warum sogar gute Laune manchmal einen freien Tag braucht.
Aso… aso… es isch eso…
Heute stimmt etwas nicht.
Mit mir.
Das kommt selten vor.
Also…
dass ich es merke.
Ich bin heute Morgen aufgestanden.
Wie immer.
Ich ging in die Küche.
Wie immer.
Ich machte mir einen Schafuccino.
Wie immer.
Ich setzte mich hin.
Nahm einen Schluck.
Und dachte:
Blöd.
Dann sah ich die Tasse.
Ausgerechnet die hatte ich erwischt.
Darauf stand:
– Sonne doof
– Blume doof
– Biene doof
– Alles doof
Hilde hatte sie mir irgendwann einmal geschenkt.
Ich fand sie damals lustig.
Heute fand ich sie erstaunlich präzise.
Ich schaute aus dem Fenster.
Sonne.
Doof.
Blume.
Doof.
Eine Biene flog vorbei.
Ich schaute wieder auf die Tasse.
Doof.
Das Ding hatte heute eine Trefferquote von hundert Prozent.
Ich schaute den Schafuccino an.
Er sah aus wie immer.
Ich nahm nochmals einen Schluck.
Immer noch blöd.
Das war ungewöhnlich.
Schafuccino ist nicht blöd.
Schafuccino ist Schafuccino.
Ich stellte die Tasse hin.
Draussen schien die Sonne.
Auch blöd.
Ein Vogel zwitscherte.
Zu laut.
Irgendwo fuhr ein Auto vorbei.
Unnötig.
Hilde kam herein.
"Guten Morgen."
Ich schaute sie an.
"Was ist daran gut?"
Sie blieb stehen.
Dann schaute sie mich etwas länger an.
"Aha."
Mehr sagte sie nicht.
Das störte mich.
Dass sie nichts sagte.
Hätte sie etwas gesagt, hätte mich vermutlich das gestört.
So ein Tag war das.
Das konnte nicht sein
Ich bin nämlich grundsätzlich gut drauf.
Das ist eine Entscheidung.
Mein Grundsatz lautet:
Ich bin immer gut drauf, weil alles andere nichts bringt.
Funktioniert meistens ausgezeichnet.
Wenn etwas schief läuft, kann ich schlechte Laune haben.
Dann ist etwas schief gelaufen und ich habe zusätzlich schlechte Laune.
Also zwei Probleme.
Unwirtschaftlich.
Deshalb lasse ich das zweite normalerweise weg.
Heute funktionierte das nicht.
Ich sagte zu mir:
"Ich bin gut drauf."
Nichts.
Nochmals:
"Ich bin gut drauf!"
Nichts.
Ich stellte mich vor den Spiegel.
"ICH BIN GUT DRAUF!"
Das Schaf im Spiegel sah mich an, als hätte es schlechte Laune.
Unverschämt.
Ich brauchte einen Grund
Das war offensichtlich das Problem.
Man kann schliesslich nicht einfach schlecht drauf sein.
Dafür muss es einen Grund geben.
Also suchte ich einen.
Hatte ich schlecht geschlafen?
Nein.
Hunger?
Nein.
Streit mit Hilde?
Nein.
Etwas passiert?
Nein.
Schlechte Nachricht?
Nein.
Rechnung bekommen?
Auch nicht.
Das war beunruhigend.
Ich hatte schlechte Laune ohne Genehmigung.
So etwas darf nicht passieren.
Also ging ich zu Möbi.
"Ich habe ein Problem."
"Was denn?"
"Ich bin schlecht drauf."
Er wartete.
"Und?"
Ich schaute ihn an.
"Was und?"
"Was ist daran das Problem?"
Manchmal frage ich mich ernsthaft, weshalb Professoren für ihre Arbeit bezahlt werden.
"Ich bin NIE schlecht drauf."
"Offenbar schon."
Das half überhaupt nicht.
Die Untersuchung
"Es muss einen Grund geben", sagte ich.
Möbi zuckte mit den Schultern.
"Vielleicht."
Vielleicht?!
Mit solchen Antworten kann man keine Wissenschaft betreiben.
Also begann ich selbst.
Ich erstellte eine Liste.
MÖGLICHE URSACHEN FÜR WINNIES SCHLECHTE LAUNE
- Wetter
- Schlaf
- Hunger
- Hilde
- Pfüddi
- Schafuccino
- Nachbarn
- Miauu-Schnecke
- unbekannt
Hilde sah die Liste.
"Warum stehe ich auf Platz vier?"
"Alphabetisch."
Sie schaute auf die Liste.
"Hunger kommt vor Hilde."
Mist.
Ich strich "alphabetisch".
Meine Stimmung wurde dadurch nicht besser.
Dann versuchte ich Gegenmassnahmen
Karottenkeks.
Keine Wirkung.
Zweiter Karottenkeks.
Keine Wirkung.
Dritter.
Immer noch schlechte Laune.
Aber weniger Karottenkekse.
Das war jetzt bereits das zweite Problem.
Ich setzte mich in meinen Lieblingssessel.
Blöd.
Ich ging in den Garten.
Auch blöd.
Ich legte mich hin.
Zu langweilig.
Ich stand wieder auf.
Zu anstrengend.
Pfüddi kam mit seinem Dreirad vorbei.
"Mmpff."
"Ja."
"Mmpff?"
"WEISS ICH DOCH NICHT!"
Pfüddi fuhr rückwärts wieder hinaus.
Das tat mir sofort leid.
Jetzt hatte ich schlechte Laune und ein schlechtes Gewissen.
Meine Zwei-Probleme-Theorie bestätigte sich.
Hervorragend.
Vielleicht stimmt die Frage nicht
Am Nachmittag sass ich wieder mit Möbi zusammen.
"Ich finde den Grund nicht."
"Vielleicht gibt es keinen bestimmten."
"Das ist unlogisch."
"Warum?"
"Weil Wirkungen Ursachen haben."
"Natürlich."
"Also."
"Aber du bist keine Maschine, Winnie."
Ich schwieg.
Das war eine ziemlich persönliche Bemerkung.
Möbi trank einen Schluck.
"Vielleicht bist du müde. Vielleicht beschäftigt dich etwas, ohne dass du es bemerkst. Vielleicht kommen viele kleine Dinge zusammen. Vielleicht ist dein Körper heute einfach anders drauf als gestern."
"Mein Körper ist schlecht drauf?"
"So ungefähr."
Ich schaute an mir herunter.
Zumindest bis auf meinen Bauch, weiter runter ging der Blick nicht mehr.
Auch das noch.
"Oder vielleicht", sagte Möbi, "musst du gar nicht herausfinden, warum."
Da war sie wieder.
Eine dieser Professorenantworten, die keine Antwort sind und trotzdem stundenlang im Kopf herumliegen.
Aber ich will es wissen
Genau das war nämlich mein Problem.
Ich wollte eine Erklärung.
Wenn ich weiss, warum etwas ist, kann ich etwas damit machen.
Reparieren.
Ändern.
Verstehen.
Abhaken.
Aber was macht man mit etwas, für das man keinen Grund findet?
Ich dachte darüber nach.
Lange.
Dann dachte ich noch länger.
Das verbesserte meine Laune ebenfalls nicht.
Irgendwann kam Hilde.
Sie setzte sich neben mich.
Sagte nichts.
Diesmal störte mich das nicht.
Nach einer Weile fragte sie:
"Immer noch alles blöd?"
"Ja."
"Gut."
Ich schaute sie an.
"Was ist daran gut?"
"Nichts."
Dann sass sie einfach da.
Komische Frau.
Vielleicht darf das sein
Am Abend war ich immer noch nicht besonders gut drauf.
Aber etwas hatte sich verändert.
Ich versuchte nicht mehr, gut drauf zu sein.
Das war erstaunlich angenehm.
Ich musste mich nicht aufmuntern.
Musste nichts analysieren.
Musste keinen Grund finden.
Musste aus diesem Tag keinen guten Tag machen.
Er durfte einfach…
ein doofer Tag sein.
Vielleicht ist das mit der guten Laune nämlich anders, als ich dachte.
Mein Satz:
"Ich bin immer gut drauf, weil alles andere nichts bringt."
gefällt mir immer noch.
Sehr sogar.
Aber vielleicht bedeutet "gut drauf sein" nicht, dass man jeden Morgen grinsend durchs Wohnzimmer hüpfen muss.
Vielleicht bedeutet es manchmal auch:
Heute bin ich eben nicht gut drauf.
Ohne daraus gleich ein Problem zu machen.
Denn vielleicht kommt die gute Laune von alleine wieder, wenn man aufhört, sie mit Gewalt zurückholen zu wollen.
Ich weiss es nicht.
Fragt mich morgen nochmals.
Später machte ich mir noch einen Schafuccino.
Ich nahm einen Schluck.
Hm.
Besser.
Noch einen.
Gar nicht schlecht.
Ich schaute aus dem Fenster.
Der Vogel war weg.
Sehr vernünftig.
Hilde sass neben mir.
Pfüddi kam vorsichtig mit seinem Dreirad herein.
Er schaute mich an.
"Mmpff?"
Ich lächelte.
"Mmpff."
Er fuhr weiter.
Vielleicht war der Tag doch nicht komplett blöd.
Nur…
grösstenteils.
Und weisst du was?
Das darf er auch.
Winnie out.
PS. Ich habe meine Liste mit den möglichen Ursachen übrigens aufgehoben.
Nur für den Fall, dass ich morgen wieder schlecht drauf bin.
Hilde steht immer noch auf Platz vier.
Alphabetisch.
Ich habe die anderen Punkte entsprechend umsortiert.
Man muss Probleme schliesslich wissenschaftlich lösen.
PPS. ...und noch etwas ist mir klar geworden:
Woher soll ich eigentlich wissen, wann ich gut drauf bin, wenn ich nie einen "Ich-bin-nicht-gut-drauf-Tag" erlebe?
Vielleicht sind diese Tage ja extra dafür da.
Damit wir an den anderen überhaupt merken:
Hey... heute geht es mir richtig gut.
Hm.
Dann wäre ein doofer Tag also gar nicht völlig nutzlos.
Das macht ihn zwar nicht weniger doof.
Aber immerhin hat er jetzt eine Aufgabe.
Das beruhigt mich.
