Warum du nicht alles glauben solltest, was gut klingt

…oder warum das Internet erstaunlich genau weiss, wie du dein Leben leben solltest.
Aso… aso… es isch eso…
…ich bin beruflich ziemlich viel im Internet unterwegs.
Häufig auch im Sheepbook.
Ich arbeite dort.
Meistens.
Manchmal schaue ich natürlich auch andere Sachen an.
Das gehört zur Recherche.
Zum Beispiel Videos von Menschen, die versuchen, mit einem Einkaufswagen eine Rolltreppe hochzufahren.
Das ist wichtig.
Man muss schliesslich wissen, was auf der Welt passiert.
Jedenfalls…
…ist mir etwas aufgefallen.
Es gibt immer mehr Menschen im Internet, die ganz genau wissen, wie das Leben funktioniert.
Nicht ihr eigenes.
Deines.
Sie wissen, warum du nicht erfolgreich bist.
Warum du unglücklich bist.
Warum du zu wenig Geld hast.
Warum deine Beziehung nicht funktioniert.
Warum du deine Ziele nicht erreichst.
Warum du morgens müde bist.
Und vermutlich wissen sie auch, warum meine linke Socke manchmal im Bett verschwindet.
Ich weiss es nämlich nicht.
Diese Menschen nennt man manchmal Gurus, Mentaltrainer, Lebensberater oder ähnliches.
Ich finde das praktisch.
Früher musste man für einen Guru noch irgendwo auf einen Berg steigen.
Heute reicht WLAN.
Ich scrollte weiter.
Da war einer.
Er stand vor einem Sonnenuntergang.
Gurus stehen auffällig häufig vor Sonnenuntergängen.
Vermutlich funktionieren Lebensweisheiten besser, wenn hinten die Sonne untergeht.
Er schrieb:
"Entferne alle negativen Menschen aus deinem Leben."
Aha.
Ich dachte darüber nach.
Das könnte funktionieren.
Allerdings müsste ich vorher noch abklären, wie das bei Familienfeiern organisatorisch geregelt wird.
Ich scrollte weiter.
Der nächste erklärte:
"Wenn du etwas wirklich willst, findest du einen Weg."
Das klang gut.
Also wollte ich fliegen.
Ohne Flugzeug.
Ich ging nach draussen.
Stellte mich auf die Wiese.
Wollte sehr fest.
Dann noch fester.
Ich bin immer noch am Boden.
Vielleicht wollte ich nicht genug.
Der nächste schrieb:
"Verlasse deine Komfortzone!"
Ich sass gerade in meinem Hängesessel.
Neben mir stand ein Schafuccino.
Auf dem Beistelltisch lagen Karottenkekse.
Ich schaute auf den Hängesessel.
Dann auf den Schafuccino.
Dann auf die Karottenkekse.
Nein.
Ich scrollte weiter.
"Du musst nur loslassen."
Was?
"Alles."
Ich legte mein Handy auf den Tisch.
Dann kam einer, der wusste, wie man reich wird.
Ein anderer wusste, wie man glücklich wird.
Einer wusste sogar, wie man in sieben Tagen sein gesamtes Leben verändert.
Sieben Tage!
Ich fand das beeindruckend.
Für meinen Keller brauche ich vermutlich länger.
Und der muss nur aufgeräumt werden.
Nach ungefähr zwanzig Minuten hatte ich so viele Ratschläge bekommen, dass mein Leben eigentlich perfekt hätte sein müssen.
War es aber nicht.
Ich musste immer noch aufs die Schafolette.
Offenbar lösen Lebensweisheiten nicht alles.
Dann blieb ich bei einem Beitrag hängen.
"5 Regeln, mit denen du deine Komunikation sofort verbesserst."
Ich las den Satz.
Dann nochmals.
Ich scrollte weiter.
Dann wieder zurück.
Komunikation.
Ich holte Möbi.
"Möbi?"
"Ja?"
"Wenn jemand mir beibringen möchte, wie ich kommunizieren soll…"
"Ja?"
"…und Kommunikation nicht richtig schreiben kann…"
Möbi schaute auf den Bildschirm.
Dann auf mich.
"Was möchtest du wissen?"
"Ob ich die fünf Regeln dann noch lesen muss."
Möbi setzte seine Brille zurecht.
Das macht er immer, wenn gleich etwas kommt, das komplizierter ist, als ich gehofft hatte.
"Ein Rechtschreibfehler beweist noch nicht, dass jemand nichts von Kommunikation versteht."
Mist.
"Aber…"
Ah.
Aber ist ein gutes Wort.
Nach einem Aber besteht meistens noch Hoffnung.
"…wenn jemand sich als Fachmann präsentiert, darfst du durchaus genauer hinschauen."
Ich nickte.
Das gefiel mir.
Genauer hinschauen.
Dann fiel mir noch etwas auf.
Das Alter.
Also…
…nicht meines.
Darüber reden wir nicht.
Das Internet ist inzwischen voller Menschen, die mir erklären, wie ich mein Leben in den Griff bekomme…
…und bei einigen habe ich das Gefühl, dass sie ihres gerade erst ausgepackt haben.
Da sitzt dann ein junger Mensch vor der Kamera und erklärt:
"Ich zeige dir, wie du dein Unternehmen garantiert zum Erfolg führst."
Aha.
Ich schaute ihn an.
Sehr jung.
Sehr selbstbewusst.
Sehr weisse Zähne.
"Möbi?"
"Ja?"
"Was hat der vorher gemacht?"
"Vor was?"
"Bevor er wusste, wie man Unternehmen erfolgreich macht."
Möbi schaute auf den Bildschirm.
"Weiss ich nicht."
"Vielleicht Grundschule?"
"Möglich."
Ich dachte nach.
Natürlich bedeutet jung nicht, dass jemand nichts weiss.
Es gibt junge Menschen, die unglaublich viel können.
Und ältere Menschen, bei denen jahrzehntelange Erfahrung hauptsächlich darin besteht…
…älter geworden zu sein.
Aber trotzdem.
Wenn mir jemand erklärt, wie ich ein Unternehmen erfolgreich führe, interessiert mich schon:
Hat er jemals eines geführt?
Hat er Mitarbeiter beschäftigt?
Kunden gewonnen?
Kunden verloren?
Rechnungen bezahlt?
Fehlentscheidungen getroffen?
Nächte wachgelegen, weil etwas nicht funktioniert hat?
Ist er gescheitert?
Hat er wieder angefangen?
Hat er überhaupt schon einmal erlebt, was er mir gerade erklären möchte?
Oder besteht sein bisher grösster unternehmerischer Erfolg darin…
…anderen zu verkaufen, wie man unternehmerisch erfolgreich wird?
Ich hielt inne.
Der letzte Gedanke war interessant.
Sehr sogar.
Denn wenn jemand sein Geld hauptsächlich damit verdient, anderen zu erklären, wie man Geld verdient…
…muss man irgendwann ziemlich genau hinschauen, womit er eigentlich sein Geld verdient.
Aso.
Vielleicht war genau das wieder der Punkt.
Nicht das Alter.
Nicht die weissen Zähne.
Und auch nicht, ob jemand einen Anzug trägt.
Sondern:
Woher kommt die Kompetenz, die dieser Mensch für sich beansprucht?
Vielleicht war genau das der Punkt.
Denn plötzlich musste ich an etwas denken, das ich tatsächlich einmal im Fernsehen gesehen hatte.
Ich schaue nämlich First Dates.
Sehr gerne sogar.
Das ist meine und Möbis Lieblingssendung und hierzu haben wir sogar ein Buch.......äh...lassen wir das.
Das ist eine Sendung, bei der sich zwei Menschen zum ersten Mal treffen und herausfinden sollen, ob sie zueinanderpassen.
Also ungefähr wie im richtigen Leben.
Nur mit Kameras.
Und Essen.
Und ohne die Möglichkeit, nach fünf Minuten so zu tun, als hätte man plötzlich einen wichtigen Termin beim Zahnarzt.
Eines Abends kam ein Mann durch die Tür.
Single.
Logisch.
Sonst wäre die Sendung vermutlich erklärungsbedürftig gewesen.
Dann wurde eingeblendet, was er beruflich macht.
Paartherapeut.
Ich starrte auf den Fernseher.
Dann auf Hilde.
Dann wieder auf den Fernseher.
"Hilde?"
"Ja?"
"Da steht Paartherapeut."
"Ja."
"Und er ist bei First Dates."
"Ja."
"Um eine Frau kennenzulernen."
"Offenbar."
Ich schwieg.
Mein Hirn nicht.
Das hatte gerade eine ausserordentliche Sitzung einberufen.
Natürlich kann ein Paartherapeut Single sein.
Das war überhaupt nicht mein Problem.
Menschen trennen sich.
Beziehungen gehen zu Ende.
Manche wollen eine Zeit lang alleine sein.
Manchmal begegnet einem schlicht nicht der richtige Mensch.
Alles völlig normal.
Aber hier sass ein Fachmann für Partnerschaft und Beziehung in einer Fernsehsendung, die ihm dabei helfen sollte, eine Partnerin kennen zu lernen.
Und da begann es bei mir zu knirschen.
Ich stellte mir vor, ich würde am nächsten Tag bei ihm in der Praxis sitzen.
"Herr Paartherapeut, ich habe Schwierigkeiten in meiner Beziehung."
Er nickt verständnisvoll.
"Sie müssen lernen, auf Ihren Partner zuzugehen."
Und irgendwo hinten in meinem Kopf würde eine kleine Stimme flüstern:
First Dates.
"Sie müssen Möglichkeiten schaffen, bei denen echte Nähe entstehen kann."
First Dates.
"Vertrauen Sie auf Ihre Fähigkeit, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen."
FIRST DATES!
Es hätte keinen Sinn.
Ich würde die Stimme nicht mehr wegbekommen.
Vielleicht ist dieser Mann ein hervorragender Paartherapeut oder jemand der nur gut reden kann...
Das weiss ich nicht.
Und ich könnte anhand einer Fernsehsendung auch niemals das Gegenteil beweisen.
Aber eines wusste ich:
Ich persönlich würde ihn nicht als Paartherapeuten wählen.
Nicht weil er Single ist.
Sondern weil das, was ich gesehen hatte, bei mir Zweifel daran ausgelöst hatte, ob ich ihm ausgerechnet in diesem Bereich mein Vertrauen schenken möchte.
Und Vertrauen kann man nicht herbeidiskutieren.
Da fiel mir noch etwas ein.
Wenn mir jemand Schwimmunterricht verkaufen möchte…
…schaue ich schon kurz nach, ob er schwimmen kann.
Er muss kein Olympiasieger sein.
Wirklich nicht.
Aber wenn er mit Schwimmflügeln am Beckenrand steht und sagt:
"Vertrau mir."
…würde ich vermutlich zuerst Möbi holen.
Und plötzlich sah ich diese ganzen Beiträge im Internet etwas anders.
Da waren Menschen, die anderen erklärten, wie sie erfolgreich werden.
Wie sie Beziehungen führen sollen.
Wie sie kommunizieren sollen.
Wie sie glücklich werden.
Wie sie denken sollen.
Wie sie leben sollen.
Und vielleicht sollten wir uns viel öfter eine ganz einfache Frage stellen:
Wer sagt mir das eigentlich?
Nicht:
Wie viele Follower hat er?
Nicht:
Wie professionell sieht seine Webseite aus?
Nicht:
Wie teuer ist sein Auto?
Nicht:
Wie viele Bücher stehen hinter ihm im Regal?
Und auch nicht:
Wie schön ist der Sonnenuntergang hinter ihm?
Sondern:
Warum sollte dieser Mensch das wissen?
Und vielleicht noch wichtiger:
Was zeigt mir dieser Mensch durch sein eigenes Handeln?
Sind seine gesprochenen Worte und sein tatsächliches Handeln im Einklang?
Denn reden kann man über sehr vieles.
Man kann über Respekt reden.
Und andere Menschen respektlos behandeln.
Man kann über Ehrlichkeit reden.
Und selbst ständig Dinge verdrehen.
Man kann anderen erklären, wie gute Kommunikation funktioniert.
Und bei der kleinsten Meinungsverschiedenheit beleidigend werden.
Man kann über Gelassenheit sprechen.
Und ausrasten, weil jemand fünf Minuten zu spät kommt.
Man kann erklären, wie wichtig Menschlichkeit ist.
Und Menschen behandeln, als wären sie Gegenstände.
Die Worte bleiben trotzdem schön.
Nur der Mensch dahinter passt irgendwie nicht dazu.
Und genau deshalb reicht es vielleicht manchmal nicht, nur zuzuhören.
Man muss auch hinschauen.
Nicht um jemanden dabei zu erwischen, dass er einen Fehler macht.
Menschen machen Fehler.
Auch Fachleute.
Auch Menschen mit Erfahrung.
Auch Gurus.
Vermutlich sogar Möbi.
Obwohl ich dafür bislang noch keine Beweise habe.
Aber wenn Worte und Taten dauerhaft zwei völlig unterschiedliche Geschichten erzählen…
…dann darf man sich schon fragen, welcher von beiden man glauben möchte.
Und dann wurde mir klar, warum das Ganze vielleicht doch nicht nur lustig ist.
Weil hinter manchen Posts vielleicht gar nicht in erster Linie die Absicht steckt, zu helfen…
…sondern etwas zu verkaufen.
Viele Menschen suchen wirklich nach Antworten.
Manchmal sogar verzweifelt.
Sie haben ein Problem.
Sie wissen nicht weiter.
Sie suchen Orientierung.
Hoffnung.
Vielleicht nur einen Gedanken, der ihnen hilft, den nächsten Schritt zu machen.
Und genau dann sind einfache Antworten besonders verlockend.
Du musst nur loslassen.
Du musst nur an dich glauben.
Du musst negative Menschen aus deinem Leben entfernen.
Du musst deine Komfortzone verlassen.
Nur.
Dieses Wort kommt erstaunlich häufig vor.
Du musst nur…
Vielleicht gibt es aber Situationen, in denen man nicht nur irgendetwas tun muss.
Vielleicht ist ein Leben komplizierter als ein Satz vor einem Sonnenuntergang.
Vielleicht kann ein Rat für einen Menschen genau richtig sein…
…und für einen anderen völlig falsch.
Weil wir seine Geschichte nicht kennen.
Seine Möglichkeiten nicht kennen.
Seine Ängste nicht kennen.
Seine Verpflichtungen nicht kennen.
Seine Vergangenheit nicht kennen.
Sein Leben nicht kennen.
Und vielleicht sollten wir deshalb nicht jede Weisheit für bare Münze nehmen, nur weil sie sich gut anhört.
Das bedeutet nicht, dass sie falsch ist.
Vielleicht steckt darin sogar etwas sehr Wertvolles.
Aber schau hin.
Frag dich:
Wer sagt das?
Warum sollte dieser Mensch das wissen?
Und passen seine Worte zu dem, was er selbst tut?
Vielleicht ist genau das manchmal viel aussagekräftiger als tausend schöne Sätze.
Denn wenn du wissen möchtest, was ein Mensch weiss…
…kannst du ihm zuhören.
Wenn du aber wissen möchtest, wer er ist…
…musst du hinschauen und sehen was er tut!
Ich sass noch eine Weile vor meinem Computer.
Dann hatte ich eine Idee.
Eine richtig gute.
Vielleicht sogar eine meiner besten.
Jaja....ich weiss...schon wieder.....
Ich könnte selbst solche Ratschläge veröffentlichen!
Ich öffnete ein neues Dokument.
Schrieb oben:
WINNIES 7 REGELN FÜR EIN GLÜCKLICHES LEBEN
Das sah professionell aus.
Sieben Regeln sind gut.
Fünf wären zu wenig.
Zehn zu anstrengend.
Sieben wirkt wissenschaftlich.
Ich begann.
Regel 1:
Höre nicht auf irgendwelche Leute im Internet, die dir erklären wollen, wie du dein Leben leben sollst.
Ich betrachtete den Satz.
Dann die Überschrift.
Dann wieder den Satz.
Aha.
Ich löschte das Dokument.
Vielleicht ist das nämlich die einzige Lebensweisheit, die ich wirklich guten Gewissens weitergeben kann:
Glaub auch mir nicht einfach.
Denk selber darüber nach.
Schau hin.
Prüf es an deinem eigenen Leben.
Nimm mit, was für dich stimmt.
Und lass liegen, was nicht passt.
Vielleicht brauchen wir gar nicht noch mehr Menschen, die uns erklären, wie das Leben funktioniert.
Vielleicht brauchen wir manchmal einfach etwas mehr Mut…
…selbst herauszufinden, wie unseres funktioniert.
Ich nahm einen Schluck Schafuccino.
Dann scrollte ich weiter.
Da stand:
"Die 3 Dinge, die intelligente Menschen niemals tun."
Ich klickte drauf.
Man muss schliesslich wissen…
…ob ich noch alle drei mache.
Winnie out.
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✉ Schreib Winnie!