Fehler sind gar nicht das Problem

…oder warum man nicht immer wieder gegen dieselbe Tür laufen sollte.
Aso… aso… es isch eso…
…ich bin heute gegen eine Tür gelaufen.
Bumm.
"Aua!"
Das war unangenehm.
Also blieb ich kurz stehen.
Rieb meine Nase.
Schaute die Tür an.
Und ging weiter.
Am nächsten Morgen…
…lief ich wieder gegen dieselbe Tür.
Bumm.
"AUA!"
Ich rieb meine Nase.
Schaute die Tür an.
Und ging weiter.
Am dritten Tag…
Bumm.
"AUA!!!"
Möbi stand daneben.
Er hatte mich beobachtet.
"Winnie?"
"Ja?"
"Warum läufst du jeden Morgen gegen diese Tür?"
Ich rieb meine Nase.
"Ich hoffe, dass sie irgendwann daraus lernt."
Möbi sagte nichts.
Er schaute die Tür an.
Dann mich.
Dann wieder die Tür.
"Winnie…"
"Ja?"
"Warum erwartest du eigentlich von der Tür, dass sie etwas lernt…
…wenn du selbst es nicht tust?"
Oh.
Ich setzte mich.
Nicht weil ich über Möbis Frage nachdenken wollte.
Meine Nase tat weh.
Aber dann dachte ich trotzdem darüber nach.
Und plötzlich wurde mir etwas klar.
Vielleicht sind Fehler gar nicht das Problem.
Wir alle machen Fehler.
Wir entscheiden falsch.
Wir verstehen jemanden falsch.
Wir sagen etwas, das wir besser anders gesagt hätten.
Wir helfen jemandem und merken hinterher, dass unsere Hilfe vielleicht gar nicht so hilfreich war.
Wir vertrauen dem Falschen.
Wir vergessen etwas.
Wir übersehen etwas.
Oder wir laufen gegen eine Tür.
Bumm.
Das kann passieren.
Aber dann passiert etwas viel Wichtigeres.
Wir bekommen eine Information.
So funktioniert es offenbar nicht!
Und genau an dieser Stelle entscheidet sich etwas.
Ich kann nämlich sagen:
"Interessant."
Und beim nächsten Mal die Türklinke benutzen.
Oder ich kann am nächsten Morgen wieder Anlauf nehmen.
Bumm.
Und mich darüber ärgern, dass die Tür offenbar immer noch nichts verstanden hat.
Möbi setzte sich zu mir.
"Weisst du, Winnie", sagte er, "ein Fehler ist eigentlich eine Gelegenheit."
"Eine ziemlich schmerzhafte Gelegenheit."
"Manchmal."
"Meine Nase findet deine Gelegenheit jedenfalls mistig."
Möbi ignorierte das.
"Entscheidend ist nicht, dass du einen Fehler gemacht hast."
"Sondern?"
"Was du danach damit machst."
Und plötzlich verstand ich.
Ein Fehler allein macht mich nicht dumm.
Aber wenn ich erkenne, dass etwas nicht funktioniert, nichts daraus lerne und danach genau dasselbe wieder mache…
…dann wird es langsam schwierig.
Sehr schwierig.
Vor allem für meine Nase.
Es gibt diesen schönen Spruch:
Immer wieder dasselbe zu tun und dabei auf ein anderes Ergebnis zu hoffen, ist Wahnsinn.
Ich finde den gut.
Sehr gut sogar!
Denn eigentlich wissen wir das alle.
Und trotzdem machen wir genau das erstaunlich oft.
Wir geraten immer wieder in dieselben Streitereien.
Reagieren immer wieder gleich.
Treffen immer wieder dieselben Entscheidungen.
Beschweren uns immer wieder über dieselben Folgen.
Und irgendwann sagen wir:
"Warum passiert mir das eigentlich immer?"
Vielleicht wäre manchmal die bessere Frage:
"Was mache ich eigentlich immer?"
Oh.
Der war unangenehm.
Aber dann fiel mir noch etwas auf.
Wenn ich dreimal gegen dieselbe Tür laufen muss, bevor ich begreife, dass ich sie öffnen sollte…
…ist das schon nicht besonders geschickt.
Aber noch viel erstaunlicher wäre etwas anderes.
Wenn Möbi vor meinen Augen gegen die Tür läuft.
Bumm.
Sich die Nase hält.
Und zu mir sagt:
"Winnie, pass auf. Die Tür ist zu."
Und ich sage:
"Danke für die Information."
Dann drei Schritte zurückgehe.
Anlauf nehme.
Und…
BUMM.
Denn ich muss ja schliesslich meine eigenen Erfahrungen machen.
Nein.
Muss ich nicht.
Und genau das ist vielleicht eine der grossartigsten Fähigkeiten, die Menschen haben.
Bei Schafen ist das vielleicht anders.
Menschen können aus Dingen lernen…
…die ihnen selbst nie passiert sind.
Jemand kann erzählen, was ihm passiert ist.
Ich kann beobachten.
Ich kann lesen.
Ich kann zuhören.
Ich kann mir anschauen, welche Entscheidungen Menschen vor mir getroffen haben…
…und was daraus entstanden ist.
Wir haben Bücher.
Erfahrungen.
Wissen.
Geschichte.
Wir müssen nicht jede Katastrophe persönlich wiederholen, um herauszufinden, dass sie eine schlechte Idee war.
Eigentlich genial.
Ich schaute Möbi an.
"Dann könnte ich theoretisch aus deinen Fehlern lernen?"
"Natürlich."
"Und du aus meinen?"
"Selbstverständlich."
Ich dachte kurz nach.
"Dann hast du aber einen gewaltigen Vorteil."
Möbi seufzte.
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Fehler grundsätzlich als etwas Schlechtes zu betrachten.
Ein Fehler sagt uns etwas.
Manchmal sogar etwas sehr Wichtiges.
Das hier hat nicht funktioniert.
Und dann können wir darüber nachdenken.
Warum?
Was habe ich übersehen?
Was hätte ich anders machen können?
Was mache ich beim nächsten Mal anders?
Und manchmal müssen wir sogar noch einen Schritt weitergehen:
Ist das vielleicht schon einmal jemand anderem passiert?
Denn möglicherweise liegt die Antwort längst vor uns.
Wir müssten sie nur benutzen.
Vielleicht ist deshalb nicht der Mensch klug, der keine Fehler macht.
Den gibt es vermutlich sowieso nicht.
Vielleicht ist der kluge Mensch derjenige, der nach einem Fehler stehen bleibt und sich fragt:
"Was kann ich daraus lernen?"
Und der richtig kluge vielleicht sogar derjenige, der sich dieselbe Frage stellt…
…wenn der Fehler einem anderen passiert ist.
Denn Fehler zu machen ist menschlich.
Aus ihnen zu lernen ist klug.
Aber immer wieder denselben Fehler zu machen und darauf zu hoffen, dass diesmal etwas anderes passiert…
…nun ja.
Fragt meine Nase.
Ich stand auf.
Ging wieder zur Tür.
Möbi beobachtete mich.
Ich blieb davor stehen.
Schaute sie an.
Nahm die Türklinke.
Drückte sie herunter.
Und öffnete die Tür.
Möbi lächelte.
Ich auch.
Ich hatte gelernt.
Dann ging ich hindurch.
Und lief gegen die geschlossene Glastür dahinter.
Bumm.
"AUA!"
Möbi kam langsam hinterher.
"Winnie…"
"ANDERE TÜR!"
Man muss schliesslich auch bei der Bewertung von Lernerfolgen fair bleiben.
Winnie out.
PS:
Ich habe inzwischen einen Zettel an die Glastür geklebt:
ACHTUNG: TÜR!
Man muss Erkenntnisse schliesslich für kommende Generationen dokumentieren.
PPS:
Pfüddi ist vorhin davor stehen geblieben, hat den Zettel gelesen und ist aussen herumgelaufen.
Ich war beeindruckt.
PPPS:
Dann habe ich verstanden, was gerade passiert ist.
Pfüddi musste nicht erst selbst gegen die Tür laufen.
Er hat meine Erfahrung benutzt.
Mmpff.
PPPPS:
Vielleicht besteht Hoffnung für die Schafheit.
Ich beobachte das weiter.
Du möchtest mir etwas erzählen? Ich freue mich auf deine Nachricht!
✉ Schreib Winnie!