Ein Ende ist auch ein Neuanfang

24.08.2026
Winnie plant Heimreise und bekommt den Koffer nicht zu.
Winnie auf Koffer

…oder warum ich plötzlich adoptiert wurde

Aso… aso… es isch eso…

…irgendwann gehen auch die schönsten Ferien zu Ende.

Meine übrigens auch.

Wobei…

…nach der Sache mit der Getränkekarte, den Liegestühlen, der Handtaschenausstellung, dem verpassten Sonnenuntergang und Picks' Familienausflug aus Mückistan…

…war ich langsam nicht mehr ganz sicher, ob das Ferien waren.

Oder eine Prüfung.

Jedenfalls war der Tag der Heimreise gekommen.

Die Schattenfrage wartete auf Beantwortung. 

Ich stand morgens auf und sagte:

"Heute passiert nichts mehr."

Das war mein erster Fehler.

Mein zweiter war…

…dass ich es laut gesagt hatte.

Ich packte meinen Koffer.

Zumindest versuchte ich es.

Zu Hause hatte alles hineingepasst.

Jetzt nicht mehr.

Dabei hatte ich gar nicht viel gekauft.

Ein T-Shirt.

Zwei Karottenkeksdosen.

Eine Tasse.

Ein kleines Souvenir.

Und ungefähr 73 Tuben Sonnencreme.

Ach ja.

Die.

Nach zwanzig Minuten sass ich auf dem Koffer.

Nach dreissig Minuten lag ich auf dem Koffer.

Nach vierzig Minuten sprang ich auf dem Koffer.

Der Koffer blieb offen.

Also rief ich an der Rezeption an.

"Entschuldigung, haben Sie vielleicht jemanden, der mir beim Koffer helfen kann?"

"Ist er sehr schwer?"

"Nein."

"Was ist das Problem?"

"Er ist zu klein."

Kurze Pause.

"Dann brauchen Sie einen grösseren Koffer."

Manchmal liebe ich Menschen, die Probleme so einfach lösen.

Ich kaufte also einen zweiten Koffer.

Sicherheitshalber einen dritten.

Die Sonnencreme bekam einen eigenen.

Um 10.15 Uhr stand ich endlich vor dem Hotel.

Drei Koffer.

Ein Rucksack.

Eine Tasche mit Karottenkeksen.

Und ich.

Da hörte ich es.

Piiiiiiiiiiiiiiiiii…

Ich schloss die Augen.

"Picks!"

Piiiiii.

"Nein."

Piiiiiiii.

"Du bleibst hier."

Picks setzte sich auf meinen Koffer.

"Hier ist deine Heimat."

Picks blieb sitzen.

"Hier ist deine Familie."

Nichts.

"Deine Mutter."

Nichts.

"Dein Vater."

Nichts.

"Der ganze Clan aus Mückistan!"

Picks flog auf meine Schulter.

Ich seufzte.

"Picks… ich fahre nach Hause."

Piiiiii.

"Sehr weit."

Piiiiii.

"Du kannst nicht mit."

Piiiiiiiiiiii.

Ich glaube, das war Mückisch für:

Das werden wir ja sehen!

Das Taxi kam.

Der Fahrer öffnete den Kofferraum.

Er schaute auf meine drei Koffer.

Dann auf mich.

Dann wieder auf die Koffer.

"Long holiday?"

"Nein."

Ich zeigte auf den dritten Koffer.

"Sonnencreme."

Er nickte.

Ich glaube, Taxifahrer lernen sehr früh, keine unnötigen Fragen zu stellen.

Wir fuhren los.

Nach ungefähr zehn Minuten bemerkte ich etwas.

Picks sass auf dem Rückspiegel.

"PICKS!"

Der Taxifahrer erschrak.

"Problem?"

"Ja."

Ich zeigte auf Picks.

Der Fahrer sah ihn an.

"Mosquito."

"Das weiss ich!"

"Small."

"Sie kennen ihn nicht."

Am Flughafen wurde es nicht besser.

Mein Sonnencremekoffer war zu schwer.

Also musste ich umpacken.

Mitten in der Abflughalle.

Fünf Tuben in den ersten Koffer.

Acht in den zweiten.

Drei in den Rucksack.

Zwei in die Jackentaschen.

Irgendwann sah ich aus wie ein internationaler Sonnencremehändler.

Die Dame am Check In fragte:

"Business or holiday?"

"Das frage ich mich inzwischen auch."

Dann kam die Sicherheitskontrolle.

Der Mann zeigte auf meinen Rucksack.

"Liquids?"

"Nein."

Dann fiel mir die Sonnencreme ein.

"Also… ein bisschen."

Er öffnete den Rucksack.

Er sah hinein.

Dann mich.

Dann wieder hinein.

"Sir…"

"Ja?"

"Why so much sunscreen?"

Ich überlegte.

Die Wahrheit war kompliziert.

Sehr kompliziert.

Also sagte ich:

"Mücke."

Er sah mich an.

Ich zeigte auf Picks.

Picks sass auf meiner Mütze.

Piiiiii.

Der Sicherheitsbeamte schwieg.

Dann winkte er seinen Kollegen herbei.

Das war der Moment, in dem ich wusste:

Die Heimreise würde länger dauern.

Eine halbe Stunde später durfte ich weiter.

Picks übrigens auch.

Keine Ahnung warum.

Vielleicht hatte er gültige Papiere.

Im Flugzeug setzte ich mich endlich auf meinen Platz.

Fensterplatz.

Ich schnallte mich an.

Schloss die Augen.

Endlich Ruhe.

Dann:

Piiiiiiiiiiiiiiii…

Ich öffnete ein Auge.

Picks sass auf dem Sitz vor mir.

"Du bist immer noch da."

Piiiiii.

"Picks…"

Piiiiiiii.

"Du kannst nicht einfach bei mir einziehen."

Picks flog zu mir.

Setzte sich auf meine Schulter.

Und blieb dort.

Ich schaute aus dem Fenster.

Dann auf Picks.

Dann wieder aus dem Fenster.

"Also gut."

"Aber bei mir gelten Regeln."

Picks bewegte sich nicht.

"Erstens: Im Schlafzimmer wird nicht gestochen."

Piiiiii.

"Zweitens: Hilde ist tabu."

Kurze Pause.

"Obwohl…"

Ich dachte an Hildes Füsse.

"…gewisse Düfte könnten jeden Mückenspray ersetzen ."

Picks summte zufrieden.

Und da verstand ich plötzlich.

Ich werde Picks gar nicht mit nach Hause nehmen.

Picks hatte mich adoptiert.

Vermutlich schon am ersten Ferientag.

Ich wusste es nur noch nicht.

Als ich endlich zuhause ankam, stellte ich meine drei Koffer ab.

Öffnete die Haustür.

Atmete tief durch.

Zuhause.

Endlich.

Picks flog an mir vorbei.

Direkt ins Wohnzimmer.

Ich hörte Hilde:

"WINNIE! Du bist wieder da!"

Dann:

Piiiiiiiiiiiiiiiiii…

Stille.

Sehr lange Stille.

Dann Hilde:

"Winnie…"

"Ja?"

"Was ist DAS?"

Ich stellte den Sonnencremekoffer ab.

"Das ist Picks."

"Warum ist Picks hier?"

Ich zuckte mit den Schultern.

"Er hat mich adoptiert."

Wieder Stille.

Dann hörte ich:

KLATSCH!

Ich riss die Augen auf.

"HILDE!"

Picks kam gemütlich aus dem Flur zurückgeflogen.

Piiiiiiii.

Ich atmete auf.

"Picks!"

Hilde erschien in der Tür.

In der Hand eine Fliegenklatsche.

Sie sah Picks an.

Picks sah Hilde an.

Ich sah beide an.

Und plötzlich wusste ich:

Meine Ferien waren vorbei.

Picks' Abenteuer hatten gerade erst begonnen.

Der tiefere Sinn dahinter:

Manchmal bringt man aus den Ferien etwas mit, das man überhaupt nicht geplant hatte.

Eine Erinnerung.

Eine Erfahrung.

Eine neue Geschichte.

Oder eine Mücke.

Bei mir war es leider die Mücke.

PS:

Die 73 Sonnencremes sind übrigens auch gut angekommen.

Falls jemand in den nächsten acht Jahren Schutzfaktor 997 braucht:

Ich hätte da noch etwas.

PPS:

Picks sitzt gerade neben mir.

Hilde sucht die Fliegenklatsche.

Ich glaube…

…ich sollte ihm schon mal zeigen, wo der Notausgang ist.

PPPS:

Zu spät.

Er ist unter Hildes Bett geflogen.

Das wird ein langer Abend.

Winnie out.

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