Ein Aua ist noch kein Grund

03.08.2026
Winnie mit Mütze steht im Badezimmer vor einem Spiegel und betrachtet eine kleinst Wunde
Winnie vor dem Spiegel mit einem Aua


…gleich einen Astronautenanzug zu kaufen.

Aso… aso… es isch eso…

…heute Morgen stand ich vor dem Badezimmerspiegel.

Zumindest glaube ich das.

Ich sah ein perfektes, absolut liebliches und wunderschönes Gesicht.

Da ich der Sache aber misstraute, holte ich vorsichtshalber meine ID, um zu vergleichen. 

Sicher ist sicher.

Vielleicht war das im Spiegel ja gar nicht ich.

Als ich dann doch sicher war, dass ich das tatsächlich bin…

…entdeckte ich an meinem Ohr eine kleine rote Stelle.

Winzig.

Also wirklich winzig.

So winzig, dass vermutlich sogar ein Flo daran vorbeigelaufen wäre, ohne sie zu bemerken.

Natürlich machte ich genau das, was man in so einer Situation niemals machen sollte.

Ich rieb daran herum.

Und dann geschah es.

Ein kleines Tröpfchen Blut.

Ich schaute das Tröpfchen an.

Das Tröpfchen schaute zurück.

"Wo kommst denn du plötzlich her?"

War das eine Mücke?

Wollte sie mir ihre Liebe beweisen?

Oder meinte mein Ohr einfach, dass es auch einmal ein bisschen Aufmerksamkeit verdient?

Ich wusste es nicht.

Damit ich auf der Fahrt zur Arbeit nicht das ganze Auto vollblutete, nahm ich vorsichtshalber zwei Rollen Küchenpapier mit und meine Taucherausrüstung. 

Man weiss ja nie.

Vielleicht beschliesst mein Ohr plötzlich…

…komplett auszulaufen.

Während der Fahrt kontrollierte ich ungefähr alle drei Minuten den Rückspiegel.

Nicht wegen des Verkehrs.

Sondern wegen meines Ohrs.

Ich wollte rechtzeitig merken, falls ich langsam ausblute.

Nach zehn Minuten war das Küchenpapier immer noch schneeweiss und die Sauerstoffflasche rutschte auf dem Rücksitz hin und her. 

Das machte mich misstrauisch.

Vielleicht blutete ich ja nach innen.

Das klingt irgendwie viel gefährlicher.

Ich überlegte ernsthaft, ob ich nicht gleich auf den Notfall fahren sollte.

Sicher ist sicher.

Vielleicht war ich ja der erste Fall weltweit von...

…einem hochgefährlichen Ohrtröpfchensyndrom.

Also fragte ich Möbi neben mir. 

Er setzte seine Brille auf.

Holte seinen Notizblock hervor.

Rechnete.

Radierte.

Rechnete nochmals.

Dann nickte er zufrieden.

"Statistisch betrachtet", sagte er, "hat dieses Tröpfchen ungefähr 0,0000000000004 Prozent deines Blutvolumens ausgemacht."

Ich schluckte.

"Also praktisch alles!" -  HILFE!!!

Möbi nahm die Brille wieder ab.

"Nein."

"Praktisch gar nichts."

"Das klingt aber viel weniger dramatisch."

"Ist es auch."

Dann schaute er mich an.

"Winnie..."

"Ja?"

"Wenn jeder wegen eines Tröpfchens Blut in den Notfall fährt..."

"...wer kümmert sich dann um die Schafe, die wirklich Hilfe brauchen?"

Ich überlegte kurz.

"Das ist natürlich auch wieder wahr."

Ich war mit diesem Berechnungsergebnis trotzdem überhaupt nicht einverstanden.

Zur Sicherheit ging ich bei der Arbeit sofort auf die Toilette.

Kontrollblick.

Da war…

…gar nichts mehr.

Nicht einmal die rote Stelle.

Jetzt wurde es erst richtig unheimlich.

Wo war sie hin?

Kann eine Wunde einfach verschwinden?

Ohne Pflaster?

Ohne Verband?

Ohne Notaufnahme?

Ohne spitalinternes Lebenserhaltungssystem?

Oder war sie gar nie da?

Vielleicht war das Blut nur auf Erkundungstour.

Ich beschloss, kein unnötiges Risiko mehr einzugehen.

Nach Feierabend wollte ich deshalb einen Astronautenanzug kaufen.

Mit Helm.

Handschuhen.

Dicken Stiefeln.

Und möglichst einer Gebrauchsanleitung.

Falls mein Ohr irgendwann wieder beschliesst zu bluten.

Oder meine Nase.

Oder der Ellbogen.

Oder der linke grosse Zeh.

Man weiss ja nie.

Als ich den Verkäufer fragte, ob der Anzug auch gegen kleine Auas hilft, schaute er mich etwas komisch an.

"Gehen Sie ins Weltall?"

fragte er.

"Nein."

"Ich hatte heute Morgen ein Tröpfchen Blut am Ohr."

Er nickte.

Gaaaaanz langsam.

"Verstehe."

Ich glaube allerdings nicht, dass er mich verstanden hat oder er kannte Hilde und ihre Reaktionen. 

PS:

Zu Hause schaute ich nochmals in den Spiegel.

Das Ohr war völlig in Ordnung.

Dafür entdeckte ich einen kleinen Pickel am Kinn.

Ich seufzte.

"Mööööbi...?"

Er schaute gar nicht erst auf.

"Nein, Winnie."

"Auch dafür brauchst du keinen Astronautenanzug."

Schade eigentlich.

Ich hätte nämlich schon gewusst, welche Farbe ich nehme.

Rot.

Dann sieht man das Blut wenigstens nicht.

Winnie out.


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