Die Warteschlange im Supermarkt

17.07.2026

...oder die Zeit, die zeitlos ist

Heute musste ich einkaufen.

Allein.

Das war bereits der erste Fehler.

Normalerweise schickt Hilde mich nur dann einkaufen, wenn sie entweder sehr mutig oder sehr verzweifelt ist.

Heute offenbar beides.

Mit meiner Einkaufsliste stand ich also an der Kasse.

Vor mir:

Zwei Personen.

Hinter mir:

Dreizehn.

Und genau in diesem Moment wusste ich:

Ich hatte die langsamste Schlange des gesamten Universums erwischt.

Natürlich.

Wie immer.

Vor mir begann eine Dame plötzlich nach ihrem Portemonnaie zu suchen.

In ihrer Tasche.

In einer zweiten Tasche.

In einer dritten Tasche.

In einer Tasche, die offenbar nur dazu diente, weitere Taschen aufzubewahren.

Ich wurde älter.

Deutlich älter.

Gefühlt mindestens drei Jahre.

Als endlich bezahlt war, begann der Herr vor mir seine Einkäufe einzupacken.

Einzeln.

Sehr einzeln.

Mit einer Ruhe, die man sonst nur von Gletschern kennt.

Ich war kurz davor, selbst zu einem Fossil zu werden.

Da hörte ich hinter mir eine Stimme.

"Interessant."

Ich drehte mich um.

Natürlich.

Möbi.

"Was machsch du da?"

"Einkaufen."

"Warum stehst du hinter mir?"

"Weil ich ebenfalls einkaufen musste."

"Und?"

"Ich beobachte."

Das hätte ich mir denken können.

"Was beobachtest du?"

"Dich."

"Warum?"

"Weil du gerade exakt denselben Gesichtsausdruck hast wie die anderen zwölf Personen in dieser Schlange."

Ich blickte nach hinten.

Tatsächlich.

Alle sahen aus, als hätten sie soeben erfahren, dass Karottenkekse abgeschafft werden.

"Weil die Schlange langsam ist!"

Möbi nickte.

"Glaubst du das?"

"Natürlich!"

"Interessant."

Ich hasse dieses Wort.

"Warum?"

"Weil jeder Mensch glaubt, er stehe in der langsamsten Schlange."

"Das stimmt doch auch."

"Mathematisch unmöglich."

"Was?"

"Wenn alle glauben, sie hätten die langsamste Schlange, können nicht alle recht haben."

Das gefiel mir nicht.

Gar nicht.

"Trotzdem ist diese hier die langsamste."

Möbi zeigte auf die Nachbarkasse.

Dort hatte sich inzwischen ein ähnlicher Stau gebildet.

An der dritten Kasse ebenfalls.

Und an der vierten auch.

"Siehst du?"

"Was?"

"Niemand steht gern dort, wo er gerade steht."

Das klang verdächtig tiefgründig.

"Menschen denken oft, dass es woanders schneller geht."

"Mhm."

"Woanders einfacher."

"Mhm."

"Woanders besser."

"Mhm."

"Und während sie auf die andere Schlange schauen, verpassen sie die eigene."

Ich dachte darüber nach.

Dann passierte etwas Merkwürdiges.

Die Dame vor mir begann zu lachen.

Der Herr vor ihr ebenfalls.

Kurz darauf unterhielten sich plötzlich mehrere Menschen.

Einer erzählte einen Witz.

Jemand anders lachte.

Und plötzlich war die Schlange gar nicht mehr so schlimm.

"Komisch", sagte ich.

"Was?"

"Sie bewegt sich immer noch gleich langsam."

"Ja."

"Aber sie fühlt sich schneller an."

Möbi grinste.

"Zeit ist manchmal erstaunlich schlecht im Messen von Zeit."

Das ergab überhaupt keinen Sinn.

Und gleichzeitig irgendwie doch.

Kurz darauf war ich an der Kasse.

Die Kassiererin lächelte.

"Haben Sie alles gefunden?"

Ich nickte.

"Ja."

Dann dachte ich kurz nach.

"Ausser Geduld."

Möbi schrieb sofort etwas in seinen Notizblock.

Und ich bin bis heute überzeugt, dass er genau auf solche Sätze wartet. 😄

Winnie out.

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