Die verschwundene Karotte

....oder Winnie leidet an Gedächnisschwund
Heute Morgen wollte ich eigentlich nur eine Karotte aus dem Garten holen.
Eigentlich.
Denn als ich beim Karottenbeet ankam, blieb ich wie angewurzelt stehen.
Eine Karotte war verschwunden.
Nicht komplett.
Nur halb.
Der obere Teil steckte noch in der Erde. Der Rest war weg.
Abgebissen.
Angefressen.
Verschwunden.
Ich betrachtete die Karotte.
Dann betrachtete ich die Umgebung.
Dann betrachtete ich die Karotte nochmals.
So machen das nämlich alle Ermittler im Fernsehen.
"Aso ... aso ... es isch eso ...", murmelte ich. "Mir hend es mit eme Verbräche z'tue."
Ich rannte ins Haus.
"MÖÖÖBI!"
Wenige Minuten später standen wir beide vor dem Karottenbeet.
Möbi setzte seine Brille auf.
Dann eine zweite Brille über die erste.
Ich wusste gar nicht, dass er zwei Brillen besitzt.
"Schwerer Fall", sagte er.
"Sehr schwerer Fall."
"Was meinsch?"
"Die Karotte wurde eindeutig angeknabbert."
Ich nickte.
Genau das hatte ich auch vermutet.
"Wer chunt als Täter in Frag?"
Möbi zog seinen Notizblock hervor.
"Wir erstellen eine Liste."
Er schrieb:
Verdächtige:
Hilde
Pfüddi
Schnürpelfee
Maulwurf
Unbekanntes Karottenmonster
"Warum stahsch du nöd uf dr Liste?", fragte ich.
"Weil du die Anzeige erstattet hast."
Das klang logisch.
Zumindest für einen Moment.
Unsere Ermittlungen begannen bei Hilde.
"Hast du diese Karotte gegessen?", fragte ich.
"Nein."
"Ganz sicher?"
"Ja."
"Hundert Prozent?"
"Ja."
"Mit Sicherheit?"
"Winnie ... wenn du nicht sofort verschwindest, fresse ich gleich dich."
Wir strichen Hilde von der Liste.
Anschliessend verhörten wir Pfüddi.
"Mmpff."
"Das ist kein Alibi", sagte ich.
"Mmpff!"
"Auch das nicht."
Da Pfüddi während des gesamten Gesprächs seinen Nuggi nicht losliess, kamen wir zu keinem Ergebnis.
Der nächste Verdächtige war die Schnürpelfee.
"Karotte?"
Sie sah mich verwirrt an und sagte auf finnisch, was natürlich niemand verstand:
"Ich komme aus Norwegen. Wir lösen Probleme nicht mit Karotten."
Hätten wir es verstanden, wäre es ein gutes Argument gewesen. .
Blieb also noch der Maulwurf.
Wir warteten fast eine Stunde neben dem Beet.
Nichts.
Keine Bewegung.
Kein Maulwurf.
Keine Hinweise.
Nur Möbi, der mittlerweile begann, wissenschaftliche Diagramme über Karottenverluste zu zeichnen.
Schliesslich sassen wir erschöpft auf der Gartenbank.
"Also?", fragte ich.
"Wer war es?"
Möbi schwieg.
Dann sah er mich an.
"Winnie."
"Ja?"
"Gestern Abend. Warst du noch im Garten?"
"Ja."
"Hattest du Hunger?"
"Ja."
"Hast du dabei eine Karotte gegessen?"
Ich überlegte.
Lange.
Sehr lange.
Dann erinnerte ich mich.
"Aso ... aso ... es isch eso ..."
"Ja?"
"Ich glaube ... äh ... ich erinnere mich gerade, dass ich gestern tatsächlich eine Karotte gegessen habe."
Möbi nickte.
"Direkt aus dem Beet?"
"Ja."
"Und hast du sie ganz gegessen?"
"Nein."
"Warum nicht?"
"Weil ich plötzlich Lust auf einen Karottenkeks hatte."
Möbi schloss seinen Notizblock.
"Fall gelöst."
"Das heisst ... ich war der Täter?"
"Korrekt."
"Und wir haben den ganzen Morgen ermittelt?"
"Ebenfalls korrekt."
Ich blickte auf die halb angefressene Karotte.
Dann auf Möbi.
Dann auf die Karotte.
Das machen Ermittler schliesslich so.
Möbi lächelte.
"Weisst du, Winnie ..."
"Was?"
"Manchmal suchen wir stundenlang nach dem Schuldigen, obwohl wir zuerst prüfen sollten, ob wir die Karotte vielleicht selber gegessen haben."
Ich dachte darüber nach.
Dann nickte ich.
Und ging ins Haus.
Um einen Karottenkeks zu holen.
Schliesslich war die ganze Ermittlungsarbeit ziemlich anstrengend gewesen.
Winnie out.
