Die Sache mit der Mücke

…oder warum Sonnencreme nicht mit Mückenspray verwechselt werden sollte
Aso… aso… es isch eso…
…am vierten Ferientag lernte ich jemanden kennen.
Nicht freiwillig.
Sein Name war Picks.
Den Namen habe ich ihm gegeben.
Schliesslich gehört sich das so, wenn man sich mehrmals täglich begegnet.
Picks war eine Mücke.
Eine ausgesprochen höfliche Mücke.
Er summte nämlich jedes Mal zuerst kurz neben meinem Ohr.
Piiiiiiiiiiiiii…
Er wartete vermutlich auf meine Zustimmung.
Gestochen hat er aber auch ohne okay.
Nach ungefähr dem zwölften Stich beschloss ich, etwas zu unternehmen, weil ich sonst einen neuen Pass hätte beantragen müssen, da ich nach den vielen Stichen aussah wie eine Pusteblume ohne Puste.
Ich ging in den kleinen Ferienladen neben dem Hotel.
Dort stand eine freundliche Verkäuferin.
Leider sprach sie ungefähr gleich gut Deutsch wie ich ihre Sprache.
Ich lächelte.
Sie lächelte.
Ich zeigte auf meinen Arm.
Auf die Stiche.
Dann summte ich.
"Piiiiiiiiii… piiiiii…"
Sie nickte begeistert.
"Aaaah!"
Endlich.
Sie hatte verstanden.
Dachte ich.
Sie verschwand zwischen den Regalen.
Kurz darauf kam sie mit einer Sonnencreme zurück.
Schutzfaktor 20.
"Nein… keine Sonne."
Ich summte wieder.
"Piiiiiiii…"
Sie nickte noch begeisterter.
Diesmal brachte sie Schutzfaktor 30.
Ich summte etwas lauter.
Sie brachte Schutzfaktor 50.
Ich zeigte auf die Stiche.
Sie brachte eine Creme für empfindliche Haut.
Ich kratzte mich demonstrativ.
Sie brachte Aloe Vera.
Ich summte inzwischen mit vollem Körpereinsatz und überlegte, ob ich ein Orchester zur Unterstützung dazu holen sollte.
Sie lächelte glücklich.
Offenbar machte ich grosse Fortschritte.
Nach ungefähr zwanzig Minuten standen vor mir:
Schutzfaktor 1-999..
Sport.
Kinder.
Baby.
Ultra Sensitive.
After Sun.
After Sun mit Aloe Vera.
After Sun mit Kokos.
After Sun mit Joghurt.
Ich bin ziemlich sicher, irgendwo war sogar eine Creme dabei…
…die vor Sonnen schützt, die es noch gar nicht gibt.
Die Verkäuferin strahlte.
Kein Wunder, denn das würde der Verkaufstag des Jahres für sie.
Ich nickte höflich.
Irgendwie brachte ich es nicht übers Herz, ihr zu erklären, dass ich eigentlich nur einen Mückenspray wollte.
Als sie fertig war…
…gehörten mir ungefähr 73 Tuben Sonnencreme.
Leider wohnte ich im dritten Stock.
Ich musste tatsächlich ein kleines Logistikunternehmen beauftragen…
…damit die Lieferung ins Hotelzimmer gebracht werden konnte.
Am Abend sass ich zwischen Bergen von Sonnencreme.
Da hörte ich es wieder.
Piiiiiiiiiiii…
Picks landete auf meinem Arm.
Schaute sich kurz um.
Dann summte er gemütlich weiter.
Ich glaube…
…er war beeindruckt.
Oder er dachte, ich hätte einen eigenen Sonnencremeladen eröffnet.
Am nächsten Morgen erklärte mir der Hotelmanager in perfektem Deutsch:
"Ich hörte, sie suchen Mückenspray?"
Ich nickte.
Er zeigte auf das Regal direkt neben dem Hoteleingang.
Dort standen ungefähr fünfzig Flaschen.
Mit einem grossen Schild darüber:
MOSQUITO SPRAY
Ich kaufte eine.
Picks übrigens auch.
Vielleicht wollte er einen Selbstversuch starten.
Aber.... manchmal genügt ein einziges falsch verstandenes Wort…
…und plötzlich besitzt man Dinge, nach denen man nie gesucht hat.
Oder wie ich sagen würde:
Immerhin bekomme ich keinen Sonnenbrand mehr bis zum Jahr 2724
Picks fand trotzdem, ich sei zum Anbeissen.
Winnie out.
