Die Sache mit der Ewigkeit

18.09.2026
Winnie legt hochkonzentriert eine lange Spur aus Karottenkeksen und versucht mit Zahlen, Taschenrechner und seiner Winnie-Einheit herauszufinden, wie lange die Ewigkeit dauert.
Winnie versucht die Ewigkeit auszurechnen

…oder warum die Ewigkeit nicht auf mein Blatt passte.

Aso… aso… es isch eso…

…gestern Abend wollte ich schlafen.

Das ist normalerweise nichts Besonderes.

Menschen machen das ständig.

Schafe auch.

Sogar Möbi.

Vermutlich.

Jedenfalls lag ich im Bett und war kurz davor einzuschlafen.

Dann dachte ich:

Ewigkeit.

Keine Ahnung warum.

Mein Hirn macht so etwas.

Andere Hirne denken kurz vor dem Einschlafen vielleicht an einen schönen Strand.

Oder an Ferien.

Oder an nichts.

Meines denkt:

Wie lange ist eigentlich für immer?

Ich öffnete die Augen.

Das war ein Fehler.

Denn jetzt wollte ich es wissen.

Also fing ich klein an.

Eine Minute.

60 Sekunden.

Einfach.

Eine Stunde.

3'600 Sekunden.

Auch noch einfach.

Ein Tag.

86'400 Sekunden.

Ha!

Ich war gut.

Ein Jahr.

31'536'000 Sekunden.

Ich setzte mich im Bett auf.

Das wurde interessant.

Zehn Jahre.

315'360'000 Sekunden.

Hundert Jahre.

3'153'600'000 Sekunden.

Ich grinste.

Ewigkeit, ich komme!

Dann nahm ich eine Million Jahre.

Danach eine Milliarde.

Dann eine Billion.

Irgendwann hatte ich so viele Nullen, dass ich sie zweimal zählen musste.

Beim zweiten Mal kam eine andere Zahl heraus.

Das war schlecht.

Also stand ich auf.

Hilde öffnete ein Auge.

"Wohin gehst du?"

"Ich brauche Papier."

"Warum?"

"Ich rechne die Ewigkeit aus."

Sie schloss das Auge wieder.

Ich glaube, nach all den Jahren gibt es Dinge, die sie einfach nicht mehr hinterfragt.

In der Küche nahm ich ein Blatt.

Oben schrieb ich:

EWIGKEIT

Dann darunter:

1 Sekunde

Das war übersichtlich. Feine Sache. 

Darunter:

1 Minute = 60 Sekunden

Auch gut.

Nach ungefähr zwanzig Minuten war das Blatt voll.

Also nahm ich ein zweites.

Dann ein drittes.

Beim fünften Blatt merkte ich, dass meine Zahlen zu gross wurden.

Also schrieb ich kleiner.

Beim siebten Blatt so klein, dass ich eine Lupe brauchte.

Beim neunten konnte ich meine eigene Handschrift nicht mehr lesen.

Das war eindeutig keine Lösung.

Ich brauchte eine bessere Masseinheit.

Sekunden waren einfach zu klein.

Ich dachte nach.

Dann hatte ich sie.

Die Winnie-Einheit.

Eine Winnie-Einheit entspricht der Zeit, die vergeht, bis ich freiwillig einen Karottenkeks liegen lasse.

Das war sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr , sehr  laaaaaaaaaang.

Ich schrieb:

1 WE = sehr, sehr, sehr lange, plus noch ein paar sehrs. 

Jetzt ging es schneller.

Tausend Winnie-Einheiten.

Eine Million Winnie-Einheiten.

Eine Milliarde Winnie-Einheiten.

Eine Fantastilliarde Winnie-Einheiten.

Bei Fantastilliarde war ich mir nicht sicher, ob es diese Zahl gibt.

Aber für Ewigkeit sollte man nicht kleinlich sein.

Um 01:48 Uhr hatte ich eine Zahl mit 173 Nullen.

Ich betrachtete sie.

Das musste reichen.

Dann fiel mir etwas auf.

Ich konnte einfach noch eine Null anhängen.

Also tat ich es.

Jetzt waren es 174.

Ich betrachtete die Zahl erneut.

Noch grösser.

Sehr gut.

Dann schrieb ich noch eine Null.

Dann noch eine.

Um 02:03 Uhr hatte ich 211 Nullen und ein neues Problem.

Ich konnte immer noch eine weitere hinschreiben!

Ich legte den Stift weg.

Das gefiel mir überhaupt nicht.

Ich nahm den Taschenrechner.

Vielleicht konnte der weiter.

Ich tippte Zahlen ein.

Sehr viele Zahlen.

Irgendwann zeigte er:

ERROR

Ich starrte ihn an.

"Was heisst hier ERROR?"

Der Taschenrechner antwortete nicht.

Feigling.

Ich holte einen zweiten.

Auch ERROR.

Jetzt hatte ich zwei Taschenrechner, die vor der Ewigkeit kapituliert hatten.

Das beruhigte mich ein wenig.

Offenbar lag es nicht nur an mir.

Um 02:26 Uhr hatte ich eine neue Idee.

Wenn Zahlen nicht funktionierten, brauchte ich etwas Greifbares.

Karottenkekse.

Ich holte die Dose.

Ein Keks = ein Jahr.

Ich legte einen auf den Tisch.

Dann zehn.

Dann…

…hatte ich ein Problem.

Die Dose war leer.

Ausserdem hatte ich drei gegessen.

Damit waren gerade drei Jahre verschwunden.

Das schien mir wissenschaftlich nicht sauber.

Also räumte ich alles wieder weg.

Inzwischen dämmerte der Morgen und ich ging zu Möbi.

Ich hatte meine Blätter dabei.

Alle.

Auch die Taschenrechner.

Möbi sass im Garten.

Natürlich mit seinem Notizblock.

"Möbi?"

"Ja?"

"Ich brauche Hilfe."

Er schaute auf den Papierstapel.

"Das sehe ich."

"Ich versuche, die Ewigkeit auszurechnen."

"Warum?"

Ich blieb stehen.

Diese Frage hatte ich mir noch gar nicht gestellt.

"Weil…"

Möbi wartete.

"…ich wissen möchte, wie lange sie dauert."

"Warum?"

"Möbi."

"Ja?"

"Wir sind noch keine dreissig Sekunden im Gespräch und du machst es bereits kompliziert."

"Entschuldigung."

Ich setzte mich.

Dann breitete ich meine Blätter aus.

"Also. Hier."

Möbi schaute darauf.

"Was ist das?"

"Meine Berechnung."

"Und WE?"

"Winnie-Einheiten."

"Was ist eine Winnie-Einheit?"

"Die Zeit, bis ich freiwillig einen Karottenkeks liegen lasse."

Möbi schaute mich an.

Lange.

"Das ist keine Masseinheit!"

"Doch."

"Nein!"

"Sie ist nur noch nicht international anerkannt."

Möbi nahm einen Schluck Schafuccino.

Dann betrachtete er meine grösste Zahl.

Ich war ziemlich stolz darauf.

"Die hat 347 Nullen."

"Beeindruckend."

"Danke."

"Und das ist Ewigkeit?"

"Ungefähr."

Möbi nahm seinen Stift.

Dann schrieb er hinter meine Zahl:

+ 1

Ich schaute auf das Blatt.

Dann Möbi.

Dann wieder auf das Blatt.

"Möbi?"

"Ja?"

"Warum hast du das gemacht?"

"Weil es geht."

"Mach es weg."

"Warum?"

"Weil meine Zahl vorher grösser aussah."

"Sie ist jetzt grösser."

"Das ist ja das Problem!"

Möbi lächelte.

Ich nicht.

Ich nahm ein neues Blatt.

Schrieb eine noch grössere Zahl darauf.

Möbi schrieb:

+ 1

Ich nahm ein weiteres Blatt.

Noch mehr Nullen.

+ 1

Noch ein Blatt.

+ 1

"MÖBI!"

"Ja?"

"Hör auf damit!"

"Warum?"

"Weil ich sonst nie fertig werde!"

Möbi legte den Stift hin.

"Genau."

Ich hasse es, wenn er das macht.

Man diskutiert völlig vernünftig…

…und plötzlich sagt Möbi ein einziges Wort und man merkt, dass man seit drei Uhr morgens Unsinn betreibt.

Ich schaute meine Zahlen an.

"Möbi?"

"Ja?"

"Egal welche Zahl ich nehme…"

"Ja."

"…es geht immer noch eine mehr."

"Ja."

"Auch wenn ich eine Zahl mit einer Million Nullen nehme?"

"Ja."

"Mit einer Milliarde Nullen?"

"Auch."

"Mit so vielen Nullen, dass ich dafür sämtliche Bäume der Welt zu Papier verarbeiten müsste?"

"Bitte nicht."

"War nur theoretisch."

"Bei dir weiss man nie."

Ich lehnte mich zurück.

Das war frustrierend.

"Aber irgendwo muss die Ewigkeit doch sein."

Möbi runzelte die Stirn.

"Wo?"

"Na… hinter all den Zahlen."

"Warum?"

"Weil irgendwann muss man doch dort ankommen."

"Wo?"

"Bei der Ewigkeit!"

"Und was soll dort sein?"

Ich öffnete den Mund.

Dann schloss ich ihn wieder.

Das war eine erstaunlich gute Frage.

Ich hatte mir die Ewigkeit tatsächlich irgendwie wie einen Ort vorgestellt.

Man zählt und zählt und zählt…

…und irgendwann steht da ein Schild:

EWIGKEIT

Sie haben Ihr Ziel erreicht.

Vielleicht mit Parkplatz und einem kleinen Schafuccino-Stand. 

Ich erklärte Möbi das.

Er rieb sich über die Stirn.

"Kein Parkplatz und nicht mal ein kleiner Schafuccino-Automat??"

"Winnie!"

"War ja nur eine kleine Frage."

Er nahm seinen Schafuccino.

Dann sagte er:

"Vielleicht machst du die ganze Zeit denselben Fehler."

"Welchen?"

"Du versuchst, Ewigkeit gross genug zu machen."

"Natürlich."

"Warum?"

"Weil sie riesig sein muss."

"Muss sie das?"

Ich sah ihn an.

"Sie ist EWIG."

"Das beantwortet meine Frage nicht."

Natürlich nicht.

Möbi-Fragen beantworten grundsätzlich nichts.

Sie produzieren neue Fragen.

Das sollte verboten werden.

"Möbi, wenn etwas niemals endet, muss es doch unvorstellbar gross sein."

"Vielleicht."

"Na also."

"Oder du versuchst gerade, etwas zu messen, das gar keine Grösse ist."

Da war er!!!!!!!!

Der Möbi-Satz.

Ich spürte sofort, wie mein Hirn anfing, dagegen anzukämpfen.

"Keine Grösse?"

"Vielleicht."

"Wie gross ist keine Grösse?"

Möbi schloss die Augen.

"Winnie."

"Was?"

"Genau das."

"Was genau?"

"Du machst es schon wieder."

"Was?"

"Messen."

Ich schwieg.

Das war unangenehm.

Denn er hatte recht.

Sogar keine Grösse wollte ich sofort wieder in eine Grösse verwandeln.

Ich schaute auf meine 347 Nullen.

Plötzlich sahen sie ein bisschen lächerlich aus.

Dabei hatte ich mir wirklich Mühe gegeben.

"Vielleicht", sagte Möbi, "ist Ewigkeit gar keine besonders grosse Zahl."

Ich hörte zu.

"Vielleicht ist sie überhaupt keine Zahl."

Ich schaute ihn an.

"Was dann?"

"Ich weiss es nicht."

"Du weisst es nicht?"

"Nein."

Das überraschte mich.

Möbi weiss normalerweise alles.

Zumindest sieht er meistens so aus.

"Und das stört dich nicht?"

"Nein."

"Warum nicht?"

Er zuckte mit den Schultern.

"Warum sollte alles, was existieren könnte, in meinen Kopf passen müssen?"

Oh.

Ich sah in den Garten.

Auf Hilde, die hinten bei ihren Pflanzen herumwerkelte.

Auf Pfüddi, der versuchte, mit seinem Dreirad rückwärts zu fahren.

"Mmpff!"

Auf die Wolken.

Auf den Himmel.

Und plötzlich dachte ich etwas, das ich vorher noch nie gedacht hatte.

Vielleicht war mein Problem gar nicht die Ewigkeit.

Vielleicht war mein Problem, dass ich glaubte, ich müsse sie begreifen können.

Mein Kopf mag Dinge mit Rändern.

Ein Tisch hat einen Rand.

Ein Garten hat einen Zaun.

Eine Geschichte hat einen Anfang und ein Ende.

Sogar eine Karottenkeksdose hat irgendwann einen Boden.

Leider. Seufz....

Und wenn etwas keinen Rand hat…

…versucht mein Kopf trotzdem einen hinzumachen.

Damit er sagen kann:

So. Bis hierhin. Jetzt habe ich es verstanden.

Aber vielleicht gibt es Dinge, bei denen das nicht funktioniert.

Nicht weil wir zu dumm sind.

Sondern weil wir versuchen, ihnen eine Form zu geben, die sie vielleicht gar nicht haben.

Ich schaute wieder in den Himmel.

"Möbi?"

"Ja?"

"Vielleicht muss ich die Ewigkeit gar nicht verstehen."

Möbi lächelte.

"Vielleicht."

"Vielleicht reicht es, dass ich über sie staunen kann."

Er nickte.

Ich dachte nach.

Das fühlte sich überraschend gut an.

Irgendwie wurde die Ewigkeit dadurch nicht kleiner.

Aber auch nicht grösser.

Sie musste plötzlich überhaupt nichts mehr sein.

Sie durfte einfach…

…Ewigkeit sein.

Ich lächelte.

"Möbi?"

"Ja?"

"Ich glaube, ich hab's."

"Schön."

"Das heisst, meine Winnie-Einheit brauchen wir nicht mehr."

"Vermutlich nicht."

"Schade."

"Warum?"

"Ich wollte sie patentieren lassen."

Möbi griff zu seinem Notizblock.

Ich stand sofort auf.

"Nein. Das war keine Aufforderung!"

Was ich gelernt habe

  • Egal wie gross eine Zahl ist – man kann immer noch +1 dazuschreiben.

  • 347 Nullen sind beeindruckend, lösen aber erstaunlich wenige Probleme.

  • Taschenrechner sind bei philosophischen Fragen keine grosse Hilfe.

  • Mein Kopf mag Dinge mit Anfang, Ende und möglichst einem Parkplatz.

  • Vielleicht müssen nicht alle Dinge in unseren Verstand passen, um existieren zu können.

  • Und manchmal beginnt Staunen genau dort, wo das Verstehen aufhört.

Am Abend lag ich wieder im Bett.

Diesmal war ich entspannt.

Ich hatte Frieden mit der Ewigkeit geschlossen.

Ich schloss die Augen.

Endlich schlafen.

Dann gingen meine Augen wieder auf.

"Hilde?"

"Nein."

"Aber ich habe noch gar nichts gesagt."

"Nein."

"Nur eine ganz kleine Frage."

Sie zog die Decke höher.

Ich flüsterte:

"Wenn die Ewigkeit kein Ende hat…"

Hilde bewegte sich nicht.

"…hat sie dann eigentlich einen Anfang?"

Unter der Decke kam eine Stimme hervor.

"Winnie."

"Ja?"

"Wenn du jetzt Möbi anrufst, hat dein Leben vielleicht ein Ende."

Gut.

....aber dann halt morgen.

Die Ewigkeit läuft ja nicht weg.

Glaube ich.

Winnie out. 😁

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