Die Sache mit den Fliegen

Aso… aso… es isch eso…
…gestern hatten wir Fliegen.
Nicht eine.
Auch nicht zwei.
Sondern…
…viele.
Sehr viele.
Ich habe 47 gezählt.
Gut.
Bei Nummer 23 habe ich kurz den Überblick verloren.
Und Nummer 31 könnte Nummer 18 gewesen sein.
Aber das spielt keine Rolle.
Und bei zweien war ich nicht sicher, denn es könnten Zwillinge gewesen sein.
Zählt das nun als eine oder doch als zwei?
Egal!
Es waren jedenfalls genügend Fliegen, um festzustellen:
Wir haben ein Fliegenproblem.
Also habe ich sämtliche Fenster kontrolliert.
Fliegengitter.
Alle dicht.
Terrassentüre.
Fliegengitter.
Auch dicht.
Dann habe ich den Kehricht kontrolliert.
Nichts.
Unter dem Tisch.
Nichts.
Hinter dem Schafuccinoautomaten.
Auch nichts.
Das war beunruhigend.
Denn…
…wenn 47 Fliegen in einem Haus sind…
…und keine hineingekommen ist…
…dann waren sie offenbar schon da.
Ich habe Hilde darüber informiert.
Sie sagte:
"Mach sie einfach raus."
Das fand ich wissenschaftlich etwas oberflächlich.
Denn man muss doch wissen, woher sie kommen.
Also habe ich eine Untersuchung eingeleitet.
Zuerst habe ich die Fliegen genauer angeschaut.
Sie waren gross, klein und mittel.
Eine war sehr dick.
Die hätte locker einen Zusatzrotor von Picks Grossmutter brauchen können.
Farbgebung der Fliegen:
Blaugrün.
Flugverhalten:
Eher träge.
Soviel ich weiss, haben wir kein Fliegenaltersheim in der Nähe.
Hätten die einen Ausflug geplant, dann wäre das wenigstens eine Erklärung gewesen.
Dann fiel mir etwas auf.
Die meisten waren unten im Haus.
Das war ein wichtiger Hinweis.
Oben…
…keine Fliegen.
Unten…
…viele Fliegen.
Also musste die Ursache möglicherweise ebenfalls…
…unten sein.
Ich schaute nach unten.
Auf den Boden.
Dann auf meine Füsse.
Dann…
…auf Hildes....... äh.... "Duftfüsschen".
Hmmm.
Hilde bemerkte meinen Blick.
"Was?"
"Nichts."
Ich ging näher.
"Winnie?"
"Bleib bitte kurz stehen."
"Warum?"
"Wissenschaft."
Ich kniete mich hin.
Hilde schaute auf mich herunter.
"Was machst du da?"
"Ich untersuche deine Füsse."
"Warum?"
Das war eine berechtigte Frage.
Ich wollte sie nicht unnötig beunruhigen.
"Wegen den Fliegen."
…
Hilde sagte nichts aber ich merkte langsam wie sie sauer wurde.
Das war kein gutes Zeichen.
Also erklärte ich ihr meine Theorie.
Die Fliegen waren unten.
Hildes Füsse waren ebenfalls unten.
Ausserdem hatte Hilde gestern den ganzen Tag ihre Wollpantoffeln getragen.
Damit lagen bereits drei wissenschaftliche Übereinstimmungen vor.
Ich zog vorsichtig an einem ihrer Pantoffeln.
Hilde zog den Fuss weg.
"Winnie!"
"Ich muss nur kurz riechen."
…
Ich glaube…
…das war der Moment, in dem meine Untersuchung ihre gesellschaftliche Akzeptanz verlor.
"Du willst WAS?"
"Nur ganz kurz."
"Du riechst NICHT an meinen Füssen!"
Ich erklärte Hilde, dass Wissenschaft nur dann funktioniert, wenn man bereit ist, auch unangenehme Hypothesen zu überprüfen.
Hilde erklärte mir, dass meine Wissenschaft gleich andere Konsequenzen mit sich ziehen würde wenn ich nicht sofort aufstehe.
Ich stand auf.
Damit war die Untersuchung vorläufig abgeschlossen.
Das Ergebnis lautete:
Hildes Füsse konnten als Ursache weder bestätigt noch vollständig ausgeschlossen werden.
Ich habe das so in meinen Notizblock geschrieben.
Hilde hat mir den Notizblock weggenommen.
Also habe ich Möbi angerufen.
Er kam vorbei.
Schaute eine Fliege an.
Dann noch eine.
Dann sagte er:
"Schmeissfliegen."
Ich nickte: "Schweissfliegen!"
Natürlich.
Das hatte ich ebenfalls vermutet.
Seit ungefähr sieben Sekunden.
"Und woher kommen die?"
Möbi schaute sich um.
"Möglicherweise ist irgendwo eine Maus gestorben."
…
Ich habe ihn angeschaut.
Dann die Wand.
Dann Möbi.
Dann Hilde.
Dann kurz ihre Füsse.
"Winnie!"
Ich schaute wieder zu Möbi.
"Eine tote Maus?"
"Vielleicht."
"In meiner Wand?"
"Vielleicht."
"Und die produziert Fliegen?"
Möbi seufzte.
Dann erklärte er mir das mit den Eiern.
Den Maden.
Den Puppen.
Und den Fliegen.
Ich hörte aufmerksam zu.
Danach wusste ich zwei Dinge.
Erstens:
Ich wollte eigentlich gar nicht wissen, wie das funktioniert.
Und zweitens:
Wir hatten möglicherweise eine Maus im Haus…
…von deren Existenz ich erst erfahren hatte…
…nachdem sie nicht mehr existierte.
Das fand ich bemerkenswert.
Also bin ich durchs Haus gelaufen und habe nach ihr gesucht.
Nichts.
Ich habe unter Schränke geschaut.
Nichts.
In Ecken.
Nichts.
Hinter den Schafuccinoautomaten.
Wieder nichts.
Unter Hildes Pantoffeln…
…
Nein.
Das habe ich nicht mehr gemacht.
Man muss wissen, wann eine wissenschaftliche Untersuchung beendet, oder das eigene Leben in Gefahr ist.
Dann fragte ich Möbi:
"Und wenn ich die Maus nicht finde?"
"Dann hört das irgendwann von alleine auf."
"Warum?"
"Weil der Kadaver irgendwann keine Nahrungsgrundlage mehr bietet und die bereits vorhandenen Maden und Puppen ihren Entwicklungszyklus abgeschlossen haben."
Ich dachte darüber nach.
Aha.
Das ist ein ähnliches Verfahren wie mit Karottenkeksen.
Solange Kekse da sind…
…wächst mein Bauch.
Ist die Dose leer…
…kein Bauchwachstum mehr.
Macht Sinn!
Dann schaute ich zu den Fliegen am Fenster.
Und plötzlich verstand ich.
Die Maus war gar nicht einfach gestorben.
Nein.
Sie hatte vorgesorgt.
Sie hatte offenbar beschlossen:
Wenn ich schon gehe, hinterlasse ich etwas.
Andere hinterlassen ein Testament.
Manche ein Haus.
Manche Geld.
Diese Maus…
…hinterliess uns Fliegen.
47 Stück.
Bis jetzt.
Ich finde das persönlich etwas übertrieben.
Eine Karte hätte vollkommen gereicht.
"Liebe Familie Winnie.
Danke für die Unterkunft.
Ich bin dann mal weg.
Liebe Grüsse,
Maus."
Aber nein.
Es mussten Fliegen sein.
Ich hoffe jetzt nur…
…dass sie nicht noch einen zweiten letzten Willen hatte.
Denn am nächsten Morgen waren schon wieder welche da.
Möbi meinte nur:
Manchmal suchen wir verzweifelt nach der Ursache eines Problems…
…obwohl die Ursache längst verschwunden ist.
Was bleibt, sind nur noch ihre Folgen.
Und manchmal braucht es etwas Zeit, bis auch die verschwinden.
Winnie out.
P.S.
Falls irgendwo in unserem Haus tatsächlich eine Maus liegt:
Liebe Maus.
Danke für deinen Abschiedsgruss.
Wir haben ihn erhalten.
Du musst wirklich nichts mehr schicken.
P.P.S.
Hildes Füsse waren es vermutlich nicht.
Ich werde diese Theorie aber…
…aus eigenem Überlebensinstinkt…
…nicht weiter untersuchen.
