Die Passwörter des Restaurants Brunos

27.07.2026

…oder warum ich 847.5 Passwörter habe 

Aso… aso… es isch eso…

…gestern sass ich wie immer bei Bruno in seinem Restaurant Bruno.

Mit einem Schafuccino.

Und einem Karottenkeks.

Da kam Bruno auf mich zu.

"Winnie… kannst du mir schnell helfen? Der Bub soll zum Geburtstag ein neues Tablet bekommen.Das muss eingerichtet und ein paar Spiele heruntergeladen werden."

"Aber selbstverständlich!"

Ich bin schliesslich IT-Fachmann.

Na gut…

…zumindest so lange, bis irgendwo steht:

Passwort eingeben.

Wir setzten uns also an einen Tisch.

Dann stellte Bruno das Tablet vor mich auf den Tisch.

Ich fiel beinahe rückwärts vom Stuhl.

Das war gar kein Tablet.

Das war ein Fernseher mit Akku!

Ich konnte plötzlich alles lesen.

Wirklich alles!

Sogar die kleinen Buchstaben unten links.

Und die noch kleineren rechts daneben.

Ich glaube, ich hätte darauf sogar das Haltbarkeitsdatum eines Staubkorns lesen können.

Da wusste ich sofort:

So eines brauche ich auch!

Dann muss ich endlich nicht mehr jeden Morgen meine 97 Lesebrillen suchen.

Ich habe nämlich überall eine.

Eine in der Küche.

Eine im Wohnzimmer.

Eine im Auto.

Eine im Bad.

Eine auf dem Nachttisch.

Eine auf dem Küchentisch.

Eine im Schuppen.

Und trotzdem sind immer genau die 96 Brillen dort…

…wo ich gerade nicht bin.

Ich glaube sogar, irgendwo lebt eine Brillenkönigin, die jede Nacht meine Lesebrillen neu verteilt.

Na ja…

…zurück zum Tablet.

Tablet an.

Internet auswählen.

Und dann kam sie.

Diese kleine freundliche Zeile.

Passwort eingeben.

"Bruno… wie lautet das WLAN-Passwort?"

Bruno nickte ganz gelassen.

"Moment."

Er verschwand.

Ich hörte Schubladen.

Schränke.

Noch mehr Schubladen.

Dann kam er zurück.

Mit einem dicken Bundesordner.

Hinter sich zog er an einem Seil noch eine Kartonschachtel hinterher.

Ich schaute Bruno an.

Dann die Schachtel.

Dann wieder Bruno.

"Bruno..."

"Ja?"

"Du wolltest doch nur ein Tablet einrichten..."

"Ja."

"Wieso ziehst du jetzt deinen ganzen Hausrat mit?"

Und unter dem Arm hatte er ungefähr 37 lose Zettel.

"Hier müsste es irgendwo stehen."

Ich schluckte.

Nach zehn Minuten fanden wir tatsächlich ein Passwort.

Leider war es das falsche.

Nach weiteren fünfzehn Minuten fanden wir noch eines.

Auch falsch.

Dann ein drittes.

Das gehörte offenbar zur Kaffeemaschine.

Ein viertes öffnete den Fernseher.

Ein fünftes war für den Garagentorantrieb.

Ein sechstes war handschriftlich notiert.

Leider konnte niemand mehr lesen, ob dort ein grosses O, eine Null oder eine Kartoffel stand.

Beim siebten ging das Licht beim Nachbarn an. 

Beim achten auch im Schlafzimmer.

Beim neunten öffnete jemand das Fenster.

Offenbar hatten wir inzwischen das halbe Quartier aktiviert.

Brunos Frau schaute so, wie Hilde wenn sie mich liebevoll ansieht... 

...also mit so liebevoll zusammengekniffenen Augen, so dass ich kurz überlegte, ob Bruno heute nicht besser in der Badewanne übernachten sollte. "Bruno, hast du nicht gesagt, dass du das mit den Passwörtern organisiert hast?"

Wortloses schweigen....... weil, wäre ein Wort gefallen, wäre es kein schweigen..... Möööööbiiii!

Damit die Angelegenheit nicht schafsgefährlich wird, beschlossen wir, das Passwort einfach zurückzusetzen.

Was bedeutete…

…wir brauchten das Passwort vom E-Mail-Konto.

Das fanden wir erstaunlich schnell.

Nur…

…es war ebenfalls falsch.

Irgendwann lagen gefühlt sämtliche Passwörter der letzten zwanzig Jahre auf dem Tisch.

Ich glaube sogar, eines stammte noch aus der Römerzeit.

Am Ende funktionierte plötzlich alles.

Keiner wusste weshalb.

Das Internet war da.

Das Tablet lief und die Spiele waren heruntergeladen. 

Der Bub wird  glücklich sein.

Bruno ist glücklich.

Ich war glücklich.

Das Tablet war glücklich.

Nur die Passwörter wirkten irgendwie beleidigt.

Und trotzdem hatte ich das Gefühl, dass sich irgendwo im Hintergrund mindestens 847.5 weitere Passwörter heimlich darüber kaputtlachten. (Das halbe Passwort war übrigens "Pa..." Den Rest weiss bis heute niemand.)

Aber seit heute bin ich überzeugt:

Passwörter vermehren sich nachts.

Anders lässt sich das nicht erklären.

PS:
Ich wollte gestern Abend zu Hause nur schnell mein E-Mail öffnen.

Nach dem achten Passwortversuch fragte mich mein Computer:

"Sind Sie wirklich Winnie?"

Ich antwortete:

"Keine Ahnung, frag doch meine Lesebrille oder geh zu Bruno."

Winnie out. 

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