Der Tag, an dem das WLAN ausfiel

...oder warum anderes auch wichtig wäre
Heute Morgen begann mit einer Katastrophe.
Nicht einer kleinen Katastrophe.
Nicht einer mittleren Katastrophe.
Sondern einer ausgewachsenen, hochdramatischen, welterschütternden Katastrophe.
Das WLAN war weg.
Komplett.
Tot.
Aus.
Ich bemerkte es als Erster.
"MÖÖÖBI!"
Möbi erschien Sekunden später.
"Was ist passiert?"
"Das Internet!"
"Was ist damit?"
"Es ist verschwunden!"
Möbi überprüfte den Router.
Dann seine Geräte.
Dann den Router nochmals.
Sein Gesicht wurde blass.
Zumindest so blass, wie ein Schaf mit Wollgesicht eben werden kann.
"Du hast recht."
"Wie schlimm ist es?"
"Sehr schlimm."
"Wie schlimm?"
"So schlimm wie das Grinseschaf ohne grinsen."
Wir schwiegen betroffen.
Kurz darauf erschien Hilde.
"Was macht ihr?"
"Das Internet ist kaputt."
"Aha."
"AHA?"
"Ja."
"Das ist eine nationale Krise!"
Hilde zuckte mit den Schultern und ging wieder.
Sie versteht Technik ungefähr so gut wie ich Quantenphysik.
Wenig später tauchte auch Pfüddi auf.
Er hielt ein Tablet in der Hand.
"MMPFFF!"
"Ja."
"MMPFFFF!"
"Wir wissen es."
"MMPFF!!"
"Nein, Videos funktionieren heute nicht."
Pfüddi setzte sich auf den Boden.
Als wäre seine gesamte Zukunft soeben zusammengebrochen.
Dann kam die Schnürpelfee.
"Habt ihr Internet?"
Wir verstanden sie zwar nicht, sagten aber vorsichtshalber:
"Nein."
Sie; "Ich auch nicht."
"Und nun?"
"Ich habe versucht, nach Norwegen zu fliegen."
"Und?"
"Ohne Karte bin ich in drei Gärten und zweimal im Hühnerstall gelandet."
Der Vormittag war verloren.
Niemand wusste so recht, was tun.
Kein Video.
Keine Suche.
Keine Nachrichten.
Keine Ablenkung.
Nichts.
Absolut nichts.
Also setzten wir uns in den Garten.
Zuerst aus Verzweiflung.
Dann aus Langeweile.
Dann einfach so.
Hilde brachte Schafuccino.
Ich brachte Karottenkekse.
Pfüddi brachte seinen Nuggi.
Die Schnürpelfee brachte eine Ukulele.
Niemand hatte etwas Besseres zu tun.
Also begannen wir zu reden.
Über alles Mögliche.
Über alte Geschichten.
Über Reisen.
Über Karotten.
Über die Frage, ob Karotten eigentlich glücklich sind.
Über Hildes Socken.
Über Möbis Notizblöcke.
Über Pfüddis berühmten Dreiradunfall von letztem Jahr.
Irgendwann lachten wir.
Dann nochmals.
Und nochmals.
Plötzlich war es Abend.
"Komisch", sagte ich.
"Was?", fragte Möbi.
"Heute war eigentlich ein schöner Tag."
Möbi nickte.
"Ja."
"Obwohl das Internet weg war."
"Vielleicht nicht obwohl."
"Wie meinst du das?"
Möbi deutete auf uns alle.
"Wann haben wir das letzte Mal einen ganzen Nachmittag zusammen verbracht?"
Niemand antwortete.
Weil niemand die Antwort wusste.
"Interessant", sagte Möbi schliesslich.
"Die Verbindung war weg."
"Ja."
"Und plötzlich waren alle verbunden."
Es wurde still.
Sogar Pfüddi hörte kurz auf zu mmpffen.
Dann sprang der Router im Haus wieder an.
Das WLAN war zurück.
Sofort begannen überall Geräte zu piepsen.
Nachrichten.
Updates.
Meldungen.
Informationen.
Die Welt war wieder da.
Die Schnürpelfee sah auf ihr Handy.
Dann legte sie es wieder weg.
Hilde ebenfalls.
Ich auch.
Pfüddi überraschenderweise ebenfalls.
Nur Möbi lächelte.
"Was?", fragte ich.
"Gar nichts."
"Doch."
"Nein."
"Doch."
Möbi nahm einen Schluck Schafuccino.
"Ich habe gerade berechnet, dass das kaputte WLAN heute vermutlich das Beste war, was uns passieren konnte."
Und zum ersten Mal in meinem Leben hoffte ich kurz, dass der Router morgen vielleicht nochmals ausfallen würde. 😄
Winnie out.
