Der Sonnenuntergang

21.08.2026
Winnie mit der Mücke Picks und den Familienmitgliedern aus Mükistan.
Der Sonnenuntergang

…oder warum Sonnenuntergänge dringend eine Pausentaste brauchen

Aso… aso… es isch eso…

…am achten Ferientag hatte ich einen Plan.

Einen sehr guten Plan.

Ich wollte einen Sonnenuntergang anschauen.

Das klingt jetzt vielleicht nicht besonders kompliziert.

Ist es aber.

Zumindest bei mir.

Ich hatte nämlich im Hotel extra nachgefragt, wann die Sonne untergeht.

"19.48 Uhr", sagte der Mann an der Rezeption.

Ich war beeindruckt.

"So genau?"

"Ja."

"Und woher weiss die Sonne das?"

Er schaute mich an.

"Wie bitte?"

"Na ja… hat ihr das jemand gesagt?"

Er schaute mich noch etwas länger an.

Dann sagte er:

"19.48 Uhr."

Ich glaube, er wollte nicht darüber reden.

Also war ich bereits um 18.30 Uhr am Strand.

Sicher ist sicher.

Liegestuhl.

Schafuccino.

Karottenkekse.

Fotoapparat.

Alles dabei.

Ich setzte mich hin.

Vor mir das Meer.

Über mir der Himmel.

Hinter mir…

Piiiiiiiiiiiiiiiii…

Picks!

"Nicht heute", sagte ich.

Picks landete auf meinem Knie.

Ich wedelte ihn weg.

Er kam zurück.

Ich wedelte nochmals.

Er kam wieder.

Offenbar hatte Picks unsere Beziehung inzwischen als Freundschaft interpretiert.

Dann hörte ich plötzlich:

Piiiiiiiii…

Noch eine Mücke.

Dann:

Piiiiiiiiiiiii…

Noch eine.

Dann:

Piiii… piiii… piiiiii… piiiiiiii…

Ich drehte mich um.

Hinter meinem Liegestuhl schwebte Picks.

Mit seiner Familie.

Ich erkannte sofort seine Mutter.

Sie hatte dieselbe Nase.

Neben ihr vermutlich sein Vater.

Zwei Geschwister.

Drei Cousins.

Eine Tante.

Die Grossmutter erkannte ich sofort, denn diese hatte einen zusätzlichen Rotorantrieb. 

Und etwas weiter hinten schwebte eine Gruppe, die mir ebenfalls unbekannt waren. 

Picks summte kurz mit ihnen.

Dann kamen sie näher.

Offenbar Verwandtschaft aus Mückistan.

Der ganze Clan.

Ich schätze, ungefähr 47 Mücken.

Vielleicht waren es auch 83.

Bei Mücken ist das schwierig zu zählen.

Sie halten einfach nicht still.

"Picks!", sagte ich streng.

"Ich habe heute keine Zeit. Um 19.48 Uhr geht die Sonne unter."

Piiiiii.

"Ja, ich weiss, dass ihr auch Ferien habt."

Piiiiiiii.

"Nein, es gibt nichts zu essen."

Picks landete auf meinem Arm.

"ICH bin auch nichts zu essen!"

Offenbar sah seine Familie das anders.

Um 19.32 Uhr hatte ich sieben neue Stiche.

Um 19.37 Uhr waren es zwölf.

Um 19.41 Uhr hatte ich aufgehört zu zählen.

Dafür hatte ich inzwischen so viel Mückenspray aufgetragen, dass in einem Umkreis von drei Metern vermutlich auch keine Vögel mehr landen wollten.

Dann geschah es.

19.43 Uhr.

Meine Blase meldete sich.

Ganz leise.

Winnie?

"Nein."

Doch.

"Nicht jetzt."

Doch.

Ich schaute zur Sonne.

Noch fünf Minuten.

Das halte ich aus.

19.44 Uhr.

Meine Blase meldete sich erneut.

Diesmal nicht mehr als Anfrage.

Eher als amtliche Verfügung.

Ich schlug die Beine übereinander.

Picks setzte sich auf meine Nase.

"VERSCHWINDE!"

Die Leute neben mir schauten.

Ich lächelte.

"Mücke."

Sie nickten.

19.45 Uhr.

Noch drei Minuten.

Meine Blase hatte inzwischen sämtliche diplomatischen Beziehungen abgebrochen.

Ich musste auf die Schafolette.

Sofort.

Ich stand auf.

"Also gut! Aber niemand bewegt sich!"

Ich zeigte zuerst auf meinen Liegestuhl.

Dann auf Picks.

Dann auf die Sonne.

"Vor allem DU nicht!"

Eine Frau neben mir fragte:

"Reden Sie gerade mit der Sonne?"

"Natürlich. Mit Picks kann man ja nicht vernünftig reden."

Dann rannte ich los.

Das Schafolette war ungefähr 200 Meter entfernt.

Warum öffentliche Schafoletten immer genau dort gebaut werden, wo man sie nicht braucht, wäre übrigens auch einmal eine Untersuchung wert.

Ich erreichte die Schafolette.

Besetzt!

Natürlich.

Ich wartete.

Und wartete.

Von hinten hörte ich plötzlich:

"Ooooooh!"

Dann:

"Aaaaaah!"

Dann Applaus.

Ich erstarrte.

Nein.

NEIN!

Ich rannte zurück.

So schnell ich konnte.

Vorbei an der Strandbar.

Vorbei am Pool.

Fast durch eine Sandburg.

Zurück zu meinem Liegestuhl.

19.51 Uhr.

Die Sonne war weg.

Einfach weg!

Der Himmel leuchtete rot.

Alle machten Fotos.

Menschen umarmten sich.

Einige klatschten noch immer.

Und mitten auf meinem Liegestuhl sass Picks.

Mit seiner gesamten Familie.

Inklusive dem Clan aus Mückistan.

Alle schauten aufs Meer.

Ich blieb stehen.

"Ihr habt ihn gesehen?!"

Piiiiiiiiiiii.

Das war der Moment, in dem ich wirklich sauer wurde.

Ich setzte mich neben Picks.

"Das ist unfair."

Eine Dame neben mir lächelte.

"Es war wunderschön."

"Das hilft mir jetzt enorm!"

"Morgen gibt es wieder einen."

Ich schaute sie an.

"Das ist nicht derselbe."

Sie überlegte.

"Nein."

"Eben!"

Genau das verstehen die Leute nämlich nicht.

Diesen Sonnenuntergang gibt es nie wieder.

Der vom achten Ferientag um 19.48 Uhr ist weg.

Für immer.

Und warum?

Weil meine Blase keine Uhr lesen kann.

Die Sonne keine Pausentaste hat.

Und Picks mit seiner gesamten Verwandtschaft ausgerechnet heute einen Familienausflug machen musste.

Ich finde…

…so etwas müsste besser koordiniert werden.

Der tiefere Sinn dahinter:

Manchmal planen wir einen perfekten Moment…

…und dann passiert das Leben.

Oder wie ich sagen würde:

Der Sonnenuntergang war offenbar wunderschön.

Picks und seine Familie können das bestätigen.

Ich war auf der Schafolette, respektive davor.

Und habe dort etwas fürs Leben gelernt:

Zwischen müssen und können liegt manchmal ein verdammt grosser Unterschied.

PS:

Morgen bin ich schlauer.

Ich gehe bereits um 19.30 Uhr auf die Schafolette.

Dann habe ich 18 Minuten Reserve.

Wobei…

…Picks hat vorhin mit jemandem telefoniert.

Ich glaube, morgen kommen auch noch die Schwiegereltern.

Ergo:

Zusätzlichen Liegestuhl organisieren.

Man will ja kein schlechter Gastgeber sein.

Winnie out.

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