Der Henkel

…oder warum eine Tasse eigentlich nur einen Henkel hat.
Aso… aso… es isch eso…
…Gerry ist schuld.
Ich möchte das gleich am Anfang festhalten.
Nicht ich.
Gerry!!
Gestern schreibt dieser Mensch einen ganzen Blogbeitrag darüber, wie aus völlig unnötigen Gedanken und Fragen plötzlich Geschichten entstehen können.
Und dann schreibt er als Beispiel:
"Warum hat eine Tasse eigentlich nur einen Henkel?"
…
Ja.
Vielen Dank auch!
Seitdem kann ich keinen Schafuccino mehr trinken, ohne den Henkel anzustarren.
Heute Morgen sass ich also am Tisch.
Vor mir meine Tasse.
Ich schaute sie an.
Sie schaute ...ach ihr wisst schon......
Aber der Henkel…
…der war da.
Einer.
Nur einer.
Ich nahm die Tasse hoch.
Trank einen Schluck.
Stellte sie wieder hin.
Dann drehte ich sie um.
Auf der anderen Seite:
Nichts.
Ich drehte sie nochmals.
Henkel.
Wieder zurück.
Nichts.
Nochmals.
Henkel.
Nochmals.
Nichts.
Hilde legte irgendwann ihre Zeitung zur Seite.
"Was machst du da?"
"Ich überprüfe etwas."
"Was?"
"Meine Tasse."
"Was ist mit deiner Tasse?"
"Sie ist auf einer Seite kaputt."
Hilde schaute die Tasse an.
"Die ist nicht kaputt."
"Natürlich ist die kaputt."
"Warum?"
"Da fehlt ein Henkel."
"Da fehlt kein Henkel."
"Natürlich fehlt da einer. Auf der anderen Seite ist schliesslich auch einer."
Hilde schaute mich an, obwohl so wie sie mich wirklich ansah, zuerst ein neues Wort erfunden hätte werden müssen....
Dann die Tasse.
Dann wieder mich.
Und ich erkannte diesen Blick.
Das war der Blick, der normalerweise bedeutet:
Ich gehe jetzt besser, bevor ich ihm den Hals umdrehe.
Sie nahm ihre Zeitung.
Und ging.
Gut.
Dann eben Möbi.
Denn wenn irgendwo etwas vollkommen Unnötiges erklärt werden muss…
…ist Möbi mein Schaf.
Ich fand ihn im Garten.
"Möbi?"
"Ja?"
"Warum haben Tassen nur einen Henkel?"
Möbi schwieg.
"Nun?"
"Ich überlege gerade, ob ich diese Frage wirklich beantworten möchte."
"Natürlich möchtest du."
"Warum?"
"Weil ich sonst selber darüber nachdenken muss und dich dann spätestens 5 Minuten später wieder frage!"
Möbi seufzte.
Dann nahm er meine Tasse.
"Also gut."
Er betrachtete sie.
"Ein Henkel hat zunächst einmal einen ziemlich einfachen Zweck."
"Aha."
"Du kannst die Tasse daran festhalten."
Ich wartete.
"Das war's?"
"Im Wesentlichen ja."
"Möbi! Dafür bin ich jetzt extra zu dir gekommen?"
"Lass mich ausreden."
"Ach so."
"Bei einem heissen Getränk ist der Henkel besonders praktisch, weil du die Tasse halten kannst, ohne die heisse Gefässwand anfassen zu müssen."
Ich schaute meinen Schafuccino an.
"Das ergibt Sinn."
"Ausserdem reicht dafür normalerweise ein Henkel. Du brauchst keinen zweiten, weil eine Hand genügt, um die Tasse zu halten."
Ich dachte nach.
"Aber zwei wären doch besser."
"Warum?"
"Dann könnte ich auswählen."
"Du kannst die Tasse auch drehen."
"Das ist aber zusätzlicher Aufwand."
Möbi schaute mich an.
"Du hast gerade ungefähr zehn Minuten damit verbracht, darüber nachzudenken, warum eine Tasse nur einen Henkel hat."
"Das ist etwas völlig anderes."
"Natürlich."
Ich nahm ihm die Tasse wieder ab.
"Aber warum gibt es dann Gefässe mit zwei Henkeln?"
Möbi hob eine Augenbraue.
Ha!
Jetzt hatte ich ihn.
"Zum Beispiel Suppentassen", sagte er. "Oder bestimmte Trinkgefässe für Kinder. Zwei Henkel können praktisch sein, wenn man das Gefäss mit beiden Händen halten möchte."
Ich erstarrte.
"Moment."
"Was?"
"Dann gibt es Tassen mit zwei Henkeln?"
"Natürlich."
"Warum hat meine dann nur einen?"
"Weil sich bei gewöhnlichen Trinktassen ein einzelner Henkel als praktisch erwiesen hat."
"Wer hat das entschieden?"
"Das hat nicht irgendwann ein einzelner Mensch entschieden."
"Aha!"
"Was aha?"
"Dann weiss also niemand, warum meine Tasse nur einen Henkel hat."
"Doch."
"Wer?"
"Ich habe es dir gerade erklärt."
"Nein. Du hast mir erklärt, wozu er da ist."
Möbi schwieg.
Ich zeigte auf meine Tasse.
"Ich will aber wissen, warum es genau einer geworden ist."
Möbi holte tief Luft.
Jetzt kam sie.
Die möbische Erklärung.
"Weil sich Formen von Alltagsgegenständen über lange Zeit verändern und jene Varianten bestehen bleiben, die sich für ihren Zweck als besonders praktisch erweisen. Ein Henkel erlaubt es, ein heisses Trinkgefäss sicher mit einer Hand zu halten, ohne unnötig Material oder Platz für einen zweiten Henkel zu benötigen. Deshalb wurde diese Form über Generationen hinweg immer wieder hergestellt und irgendwann selbstverständlich."
Ich schaute ihn an.
Möbi schaute mich an.
Ich schaute die Tasse an.
Dann wieder Möbi.
"Also…"
"Ja?"
"…hat niemand beschlossen, dass Tassen einen Henkel haben müssen?"
"Nicht in dem Sinne, nein."
"Es hat sich einfach so entwickelt?"
"Vereinfacht gesagt: ja."
Ich betrachtete die Tasse.
Plötzlich sah dieser Henkel völlig anders aus.
Vor fünf Minuten war er einfach…
…ein Henkel.
Jetzt war er das Ergebnis von Generationen von Menschen, die irgendwann offenbar festgestellt hatten:
So ist es praktisch.
Ich nahm die Tasse.
Dann hielt ich sie demonstrativ mit beiden Händen am Bauch der Tasse fest.
Möbi sah mich an.
"Was machst du jetzt?"
"Ich brauche den Henkel gar nicht."
"Im Prinzip nicht."
Ich erstarrte.
Langsam stellte ich die Tasse wieder auf den Tisch.
"Möbi?"
"Ja?"
"Dann haben wir jetzt ein viel grösseres Problem."
Er schloss kurz die Augen.
"Welches?"
Ich zeigte auf den Henkel.
"Warum hat sie dann überhaupt einen?"
Möbi ging.
Einfach so.
Ohne ein Wort.
Ich finde das etwas unhöflich.
Aber immerhin weiss ich jetzt…
…
…
Moment.
Eigentlich weiss ich immer noch nicht, warum meine Tasse nur einen Henkel hat.
Grrrrrrrr…
Winnie out.
PS von Gerry:
Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich festhalten:
Dieser Blogbeitrag ist tatsächlich nur deshalb entstanden, weil ich im vorherigen Blogbeitrag vollkommen beiläufig die Frage geschrieben habe:
"Warum hat eine Tasse eigentlich nur einen Henkel?"
Und...
...also...
...äh...
...warum hat sich eigentlich beim erneuten Nachdenken über dieses vollkommen sinnlose Henkelthema gerade die Frage in meinem Kopf breitgemacht...
...warum Menschen überhaupt ihre Zeit damit verbringen, über vollkommen sinnlose Dinge nachzudenken?
…
Mist.
"Warum tun Menschen sich das eigentlich an?"
…
…
Oberdoppelmist. 😁
