Das Verbrechen der Cervelat

…oder warum eine Wurst ein Recht auf ein faires Verfahren haben sollte.
Aso… aso… es isch eso…
…wir haben manchmal Nachbarschaftsgrillfest.
Das ist schön.
Alle bringen etwas mit.
Salat.
Brot.
Getränke.
Fleisch.
Und unser Nachbar bringt Cervelats.
Er liebt Cervelats.
Das kann ich verstehen.
Ich mag Karottenkekse.
Jeder Mensch braucht etwas, das seinem Leben einen tieferen Sinn gibt.
Das Problem beginnt erst auf dem Grill.
Denn unser Nachbar grilliert seine Cervelats gerne…
…gründlich.
Sehr gründlich.
Also…
…wenn andere Menschen sagen würden:
"Die ist fertig."
…dann würde seine Cervelat vermutlich gerade erst mit dem Aufwärmen beginnen.
Sie bleibt liegen.
Und liegen.
Und liegen.
Irgendwann wird sie braun.
Dann dunkelbraun.
Dann sehr dunkelbraun.
Dann schwarz.
Und irgendwann erreicht sie einen Zustand, bei dem man nicht mehr genau sagen kann, ob sie noch zur Lebensmittelgruppe gehört…
…oder bereits Brennstoff ist.
Ich stand am Grill und betrachtete sie.
Da bekam ich Mitleid.
Nicht mit dem Nachbarn.
Mit der Cervelat.
Denn ich fragte mich:
Was hat diese Cervelat verbrochen?
Irgendetwas muss passiert sein.
So wird man doch nicht einfach behandelt.
Vielleicht war sie früher kriminell.
Vielleicht hat sie im Kühlregal eine Salami überfallen.
Oder einen Landjäger bedroht.
Vielleicht hat sie Käse gestohlen.
Wobei…
…bei Käse hört der Spass natürlich auf.
Wir sind in der Schweiz.
Ich betrachtete die Cervelat genauer.
Sie lag regungslos auf dem Rost.
Das ist bei Cervelats allerdings kein eindeutiges Schuldeingeständnis.
Ich beschloss deshalb, den Fall genauer zu untersuchen.
Tatverdächtige:
Eine Cervelat.
Tatort:
Unbekannt.
Tatzeit:
Vermutlich vor dem Grillieren.
Tatmotiv:
Ebenfalls unbekannt.
Beweislage:
Schlecht.
Eigentlich gab es gar keine.
Und trotzdem lag sie bereits auf dem Grill.
Das fand ich rechtsstaatlich bedenklich.
Ich ging zu Möbi.
"Möbi?"
"Ja?"
"Haben Cervelats Rechte?"
Möbi schaute mich an.
Lange.
"Wie meinst du das?"
"Zum Beispiel das Recht auf ein faires Verfahren."
Möbi legte seinen Notizblock weg.
Das macht er immer, wenn er merkt, dass es länger dauern könnte.
Ich erklärte ihm den Fall.
Die Cervelat.
Den Grill.
Die zunehmende Schwarzfärbung.
Und meinen Verdacht, dass hier möglicherweise eine Strafe vollzogen wird, ohne dass vorher die Schuldfrage geklärt wurde.
Möbi sagte:
"Winnie, das ist eine Wurst."
"Das beantwortet meine Frage nicht."
"Eine Cervelat kann kein Verbrechen begehen."
Ich dachte nach.
Das war natürlich ein starkes Argument.
Aber auch ein gefährliches.
"Dann ist sie unschuldig!"
Möbi schloss die Augen.
Ich rannte zurück zum Grill.
Inzwischen hatte sich die Situation dramatisch verschärft.
Die Cervelat war nun so dunkel, dass sie Licht vermutlich nicht mehr reflektierte.
Sie absorbierte es.
Ich musste handeln.
Ich holte einen Teller.
Eine Zange.
Ein Handtuch.
Einen Feuerlöscher.
Und Pfüddis Blaulicht mit Martinshorn.
Pfüddi kam sofort angerannt.
"Mmpff!"
"Notfall!"
"Mmpff?"
"Cervelat."
Pfüddi nickte.
Ich glaube zumindest, dass er nickte.
Dann stellte er sich neben den Grill.
Mit Nuggi.
Warnweste.
Und Blaulicht und heulenden Sirenen.
Damit war die Einsatzleitung komplett.
Die Schnürpelfee wurde zusätzlich als REGA Unterstützung aufgeboten.
Ich näherte mich vorsichtig der Cervelat.
"Ganz ruhig."
Keine Reaktion.
"Wir holen dich da runter."
Keine Reaktion.
"Du bist jetzt in Sicherheit."
Immer noch keine Reaktion.
Ich griff mit der Zange nach ihr.
Knack.
Ich erstarrte.
Die Cervelat war inzwischen so trocken, dass ich Angst hatte, sie könnte beim Anheben zerbrechen.
Das wäre schlecht gewesen.
Vor allem für die Beweissicherung.
Ich legte sie vorsichtig auf den Teller.
Pfüddi schaute sie an.
"Mmpff."
"Ja."
Ich wusste nicht, was er gesagt hatte.
Aber es klang angemessen.
Dann kam Hilde.
Sie sah Pfüddi.
Das Blaulicht.
Den Feuerlöscher.
Mich.
Und die Cervelat auf dem Teller.
"Was macht ihr da?"
"Rettungseinsatz."
"Für eine Cervelat?"
"Sie wurde ohne Gerichtsverfahren gegrillt."
Hilde schaute zur Cervelat.
Dann zu mir.
Dann wieder zur Cervelat.
"Winnie."
"Ja?"
"Die gehört unserem Nachbarn."
Das wusste ich natürlich.
Damit änderte sich die Rechtslage erheblich.
Ich stellte den Teller wieder zurück.
Man darf fremde Cervelats nicht einfach beschlagnahmen.
Das wäre Diebstahl.
Und dann wäre plötzlich nicht mehr die Cervelat die Tatverdächtige gewesen…
…sondern ich.
Also blieb mir nur noch eines.
Ich setzte mich neben den Grill.
Und beobachtete sie.
Bis zum Ende.
Später ass unser Nachbar seine Cervelat.
Mit grossem Genuss.
Und da verstand ich plötzlich etwas.
Vielleicht war die Cervelat gar kein Opfer.
Vielleicht war sie genau so, wie sie sein sollte.
Vielleicht gibt es Dinge, die für den einen völlig falsch aussehen…
…und für den anderen genau richtig sind.
Ich fand diesen Gedanken sehr schön.
Fast philosophisch.
Dann biss unser Nachbar nochmals hinein.
KNACK.
Ich zuckte zusammen.
Also…
…ein bisschen leid tat sie mir trotzdem.
PS:
Ich habe Möbi später gefragt, ob es tatsächlich einen Internationalen Gerichtshof für Wurstwaren gibt.
Gibt es nicht.
Finde ich eine bedenkliche Gesetzeslücke.
PPS:
Ich arbeite deshalb gerade an der Gründung des Internationalen Cervelat-Gerichtshofs – ICGH.
Hilde sagt, bevor ich internationale Organisationen gründe, soll ich den Grill putzen.
Typisch.
Kaum will man die Welt verbessern, kommt Hausarbeit dazwischen.
PPPS:
Pfüddi wurde inzwischen zum Leiter der Cervelat-Sondereinsatzgruppe ernannt.
Seine Qualifikation:
Warnweste.
Blaulicht.
Nuggi.
Und er stellt keine unnötigen Fragen.
Eigentlich perfekte Voraussetzungen für eine internationale Karriere.
PPPPS:
Unser Nachbar bekommt von all dem selbstverständlich nichts mit.
Er soll seine Cervelat genauso grillieren, wie sie ihm schmeckt.
Schliesslich ist das hier ein Rechtsstaat.
Auch für Nachbarn.
