Weihnachten steht vor der Tür!

…oder warum der 5. Oktober eigentlich schon viel zu spät ist.
Aso… aso… es isch eso…
Heute Morgen habe ich auf den Kalender geschaut.
Das mache ich nicht oft.
Normalerweise weiss ich ungefähr, welcher Monat ist.
Das reicht.
Heute stand dort:
5. Oktober.
Ich wollte gerade weitergehen.
Dann blieb ich stehen.
Oktober.
Ich schaute nochmals.
Oktober.
Nach Oktober kommt November.
Nach November kommt Dezember.
Und im Dezember ist…
WEIHNACHTEN!
Ich erschrak.
Das war knapp.
Sehr knapp.
Eigentlich sogar…
eine Katastrophe.
Ich holte sofort meinen Taschenrechner.
Oktober.
November.
Dezember.
Drei Monate.
Wobei…
Dezember kann man nicht wirklich mitzählen.
Da ist Weihnachten ja schon.
Und November eigentlich auch nicht.
Im November bereiten sich schliesslich alle anderen auf Weihnachten vor.
Wenn ich erst dann anfange, bin ich gleichzeitig mit allen anderen dran.
Das wäre organisatorischer Wahnsinn.
Also bleibt Oktober.
Davon sind bereits fünf Tage weg.
Ich habe somit praktisch keine Zeit mehr.
Ich rannte zu Hilde.
"HILDE!"
"Nein."
Ich blieb stehen.
"Du weisst doch noch gar nicht, was ich sagen will!."
"Stimmt."
Sie schaute mich an.
"Also, was ist?"
"Weihnachten."
"Nein."
Gut.
Damit war das Gespräch beendet.
Man muss vorbereitet sein
Ich setzte mich mit einem Schafuccino an den Tisch.
Weihnachten besteht aus verschiedenen Bereichen.
Das weiss jeder.
Geschenke.
Weihnachtsbaum.
Dekoration.
Guetzli.
Essen.
Lichterketten.
Kerzen.
Geschenkpapier.
Schleifen.
Weihnachtsmusik.
Und Dinge, die man erst am 23. Dezember bemerkt, obwohl man drei Monate Zeit gehabt hätte.
Das wollte ich verhindern.
Also machte ich eine Liste.
WEIHNACHTEN – GENERALPLAN
- Geschenke
- Weihnachtsbaum
- Dekoration
- Guetzli
- Essen
- Getränke
- Lichter.....gaaaanz viele Lichter!
- Geschenkpapier
- Weihnachtsmusik
- Weihnachten
Punkt 10 gefiel mir besonders.
Er gab dem Ganzen ein klares Ziel.
Dann begann ich mit Punkt 1.
Geschenke
Ich brauchte Geschenke für Hilde.
Pfüddi.
Möbi.
Und vermutlich noch andere Schafe, die mir im Moment nicht einfielen.
Ich schrieb:
Hilde – Geschenk
Dann sass ich da.
Das war schwieriger als erwartet.
Man kann Hilde schliesslich nicht irgendetwas schenken.
Es muss persönlich sein.
Etwas, das zeigt, dass ich mir Gedanken gemacht habe.
Nach ungefähr zwanzig Minuten hatte ich eine Idee.
Einen Schafuccino-Automaten.
Ich strich es wieder durch.
Wir haben bereits einen.
Andererseits…
zwei wären sicherer.
Was, wenn einer kaputtgeht?
An Weihnachten!
Ich schrieb:
Hilde – Schafuccino-Automat Ersatzgerät
Dann überlegte ich.
Vielleicht wollte Hilde gar keinen Schafuccino-Automaten.
Also brauchte ich eine Geschenke-Bedarfsanalyse.
Ich ging zu ihr.
"Hilde?"
"Was?"
"Was wünschst du dir zu Weihnachten?"
Sie schaute mich an.
"Es ist Oktober."
"Das beantwortet meine Frage nicht."
"Dann Ruhe!"
Ich schrieb:
Hilde – Ruhe
Das war ungünstig.
Ich wusste nicht, wo man das kaufen kann.
Der Weihnachtsbaum
Punkt 2.
Weihnachtsbaum.
Da erkannte ich sofort ein ernstes Problem.
Wenn alle Schafe im Dezember einen Weihnachtsbaum kaufen…
…woher weiss ich, dass für mich noch einer übrig ist?
Eben.
Weiss niemand.
Also rief ich beim Weihnachtsbaumverkäufer an.
"Ich möchte einen Weihnachtsbaum reservieren."
"Für wann?"
"Weihnachten."
Am anderen Ende war es kurz still.
"Wir haben Oktober."
"Ich weiss. Deshalb rufe ich ja jetzt schon an."
Ich erklärte ihm die Situation.
Er sagte, ich müsse mir keine Sorgen machen.
Das fand ich fahrlässig.
Menschen sagen immer, man müsse sich keine Sorgen machen, kurz bevor etwas passiert, über das man sich Sorgen hätte machen sollen.
Also reservierte ich zwei.
Einen normalen.
Und einen Notfallbaum.
Man weiss ja nie.
Die Lichterkette
Dann holte ich die Weihnachtsdekoration aus dem Keller.
Sie war in sieben Kartons.
Warum wir sieben Kartons Weihnachtsdekoration besitzen, weiss ich nicht.
Ich vermute Hilde.
Hilde vermutet mich.
Wir werden es vermutlich nie erfahren.
Ganz oben lag die Lichterkette.
Ich nahm sie heraus.
Sie bestand aus einem einzigen Knoten.
Das ist erstaunlich.
Letztes Weihnachten hatte ich sie ordentlich zusammengerollt.
Zumindest erinnere ich mich so.
Offenbar verbringen Lichterketten den Sommer damit, sich heimlich miteinander zu verknoten.
Ich begann sie zu entwirren.
Nach zwanzig Minuten hatte ich einen Teil geschafft.
Nach vierzig Minuten war der Knoten grösser.
Nach einer Stunde sass ich mitten drin.
Nach eineinhalb Stunden kam Hilde.
Sie blieb stehen.
Ich sass auf dem Boden.
Mein linker Arm war in der Lichterkette.
Mein rechter Fuss ebenfalls.
Ein Teil hing an meiner Zipfelmütze.
"Was machst du?"
"Weihnachten."
"Es ist Oktober."
"Eben!"
Sie ging wieder.
Ich hörte sie etwas murmeln.
Ich glaube, es war kein Weihnachtslied.
Das Guetzli-Problem
Als ich mich befreit hatte, kam Punkt 4.
Guetzli.
Natürlich kann man Weihnachtsguetzli nicht bereits Anfang Oktober backen.
Dachte ich.
Dann dachte ich nochmals.
Warum eigentlich nicht?
Es gibt Gefrierschränke.
Damit eröffnete sich eine völlig neue Dimension der Weihnachtsvorbereitung.
Ich berechnete unseren voraussichtlichen Guetzliverbrauch.
Dann Sicherheitsreserve.
Dann Besuch.
Dann unerwarteten Besuch.
Dann den Fall, dass der unerwartete Besuch mehr isst als erwartet.
Dann Pfüddi.
Dann mich.
Vor allem mich.
Das Ergebnis war erschreckend.
Wir brauchten einen zweiten Gefrierschrank.
Hilde sagte nein.
Ich erklärte ihr die Berechnung.
Sie sagte nochmals nein.
Ich erhöhte die Sicherheitsreserve um 15 Prozent.
Man darf bei solchen Dingen nicht emotional reagieren.
Dann kam Möbi
Am Nachmittag klingelte es.
Möbi stand vor der Tür.
Er schaute ins Wohnzimmer.
Sieben Kartons.
Drei Rollen Geschenkpapier.
Eine Lichterkette.
Vier Weihnachtskataloge.
Eine Tabelle.
Zwei Taschenrechner.
Ich.
Mit Weihnachtsmütze.
Er sah mich an.
"Was machst du?"
"Weihnachten."
"Es ist der 5. Oktober."
"Das weiss ich inzwischen."
Er setzte sich.
Dann nahm er meine Liste.
Inzwischen hatte sie 73 Punkte.
"Was ist Punkt 48?"
"Weihnachtsservietten-Notfallreserve."
Möbi schaute mich an.
"Wofür braucht man eine Weihnachtsservietten-Notfallreserve?"
Ich war überrascht.
"Für einen Weihnachtsservietten-Notfall."
Manchmal frage ich mich wirklich, wie dieser Mann Professor geworden ist.
Dann legte er meine Liste auf den Tisch.
"Winnie, worauf freust du dich eigentlich an Weihnachten?"
Endlich eine vernünftige Frage.
"Auf Hilde."
Ich dachte nach.
"Auf Pfüddi."
Noch etwas.
"Dass wir zusammen sind."
Ich schaute zu meinem Schafuccino.
"Auf gutes Essen."
Dann fiel mir noch etwas ein.
"Auf diesen Moment am Abend, wenn alles ruhig wird. Der Baum leuchtet. Wir sitzen zusammen. Niemand muss irgendwohin."
Möbi nickte.
"Und welche deiner 73 Vorbereitungen brauchst du dafür?"
Ich schaute auf die Liste.
Hm.
Ich begann oben.
Geschenkebedarfsanalyse.
Baum-Notfallkonzept.
Ersatzlichterkette.
Guetzli-Sicherheitsreserve.
Weihnachtsservietten-Notfallreserve.
Ich blätterte um.
Punkt 57:
Überprüfung der Ersatzbatterien für singenden Weihnachtselch.
Ich schaute Möbi an.
"Den Weihnachtselch brauchen wir."
"Warum?"
"Weil er singt."
"Niemand mag ihn."
"Eben. Tradition."
Möbi seufzte.
Vielleicht machen wir Weihnachten manchmal selbst kaputt
Später sass ich im Sessel.
Die Weihnachtsmütze hatte ich noch auf.
Nicht weil ich musste.
Ich hatte einfach vergessen, dass ich sie trug.
Und ich dachte über Möbis Frage nach.
Eigentlich ist es schon seltsam.
Wir freuen uns auf etwas.
Also wollen wir, dass es schön wird.
Damit es schön wird, muss alles stimmen.
Damit alles stimmt, müssen wir alles vorbereiten.
Damit wir alles vorbereiten können, brauchen wir Listen.
Dann Termine.
Dann Einkäufe.
Dann Bestellungen.
Dann noch schnell dies.
Und unbedingt noch das.
Und plötzlich wird aus:
"Ich freue mich auf Weihnachten."
irgendwann:
"Ich bin froh, wenn Weihnachten vorbei ist."
Das ist eigentlich ziemlich bescheuert.
Vielleicht muss Weihnachten gar nicht perfekt sein.
Vielleicht darf ein Guetzli verbrannt sein.
Vielleicht darf Geschenkpapier schief geklebt sein.
Vielleicht darf eine Lichterkette nicht funktionieren.
Vielleicht darf sogar etwas fehlen.
Solange nicht das fehlt, worum es eigentlich geht.
Die Schafe, die einem wichtig sind.
Die Zeit mit ihnen.
Und vielleicht dieser eine Moment, in dem niemand etwas erledigen muss.
Nicht einmal Weihnachten.
Das fand ich schön.
Also nahm ich meine Liste.
Ich strich Punkt 48.
Weihnachtsservietten-Notfallreserve.
Man muss auch loslassen können.
Am Abend kam Hilde ins Wohnzimmer.
Sie betrachtete die sieben Kartons.
"Kannst du das jetzt bitte alles wieder in den Keller bringen?"
"Nein."
"Warum nicht?"
"Dann müsste ich es in drei Monaten wieder hochholen."
Sie schaute mich an.
Ich lächelte.
"Ausserdem habe ich den Weihnachtsbaum bereits bestellt."
Hilde schloss die Augen.
"Winnie…"
"Zwei."
Sie öffnete die Augen wieder.
"ZWEI?!"
"Der zweite ist Reserve."
Es folgte eine längere Diskussion.
Ich habe deshalb beschlossen, morgen Punkt 11 meines Generalplans vorzuziehen:
Weihnachten überleben.
Winnie out.
PS. Falls du jetzt denkst, ich sei mit meinen Weihnachtsvorbereitungen viel zu früh dran:
Das dachte der Weihnachtsbaumverkäufer auch.
Deshalb bekommt er dieses Jahr keine Weihnachtsserviette.
So lernt man.
