Aber ich habe es doch gesagt!

…oder warum in einem Satz manchmal mehr steht, als tatsächlich dasteht.
Aso… aso… es isch eso…
…ich habe heute eine E-Mail bekommen.
Eine kurze.
Ich mag kurze Nachrichten.
Man spart Zeit.
Da stand:
"Ich möchte am Donnerstag zwei Stunden nach Schnuberhausen."
Ich las sie.
Dann las ich sie nochmals.
Donnerstag.
Zwei Stunden.
Schnuberhausen.
Gut.
Ich wusste jetzt, wann.
Ich wusste ungefähr, wie lange.
Und ich wusste, dass Schnuberhausen irgendwie beteiligt war.
Was ich nicht wusste:
Von wo?
Was genau?
Wie?
Mit wem?
Und überhaupt:
Was möchte dieser Mensch eigentlich von mir?
Also fragte ich nach.
Das fand der andere offenbar etwas erstaunlich.
Für ihn war die Nachricht nämlich vollkommen klar.
Und genau das verstand ich nicht.
Wie kann ein Satz für einen Menschen vollkommen eindeutig sein…
…und für einen anderen überhaupt nicht?
Also ging ich zu Möbi.
"Möbi, ich glaube, manche Menschen können nicht richtig kommunizieren."
"Das glauben erstaunlich viele Menschen über erstaunlich viele andere Menschen."
"Siehst du!"
"Nein."
Das Gespräch entwickelte sich nicht in die gewünschte Richtung.
Also zeigte ich ihm die Nachricht.
Möbi las sie.
Dann sagte er:
"Der Absender hat vermutlich nichts vergessen."
"Natürlich hat er etwas vergessen! Da fehlt die Hälfte!"
"Für dich."
"Für wen denn sonst?"
"Für ihn fehlt nichts."
…
Jetzt wurde es interessant.
Möbi nahm seinen Notizblock.
Dann schrieb er:
"Ich möchte am Donnerstag zwei Stunden nach Schnuberhausen."
"Was liest du?", fragte er.
"Genau das."
"Und was liest derjenige, der es geschrieben hat?"
"Auch genau das."
"Nein."
Oh.
Möbi erklärte:
Derjenige liest vielleicht:
"Ich möchte am Donnerstag [mit meiner Frau] zwei Stunden [mit dem Schnubermobil von Schnurzhausen] nach Schnuberhausen [fahren, weil wir dort den grossen Schnürpeltag besuchen möchten]."
Ich schaute auf den ersten Satz.
Dann auf den zweiten.
"Aber das steht da gar nicht!"
"Genau."
Und plötzlich verstand ich das Problem.
Der Absender hatte diese Informationen tatsächlich nicht geschrieben.
Aber wenn er selbst seinen Satz las…
…waren sie trotzdem da.
Nicht auf dem Papier.
In seinem Kopf.
Er wusste, mit wem er fahren wollte.
Er wusste, wo er starten wollte.
Er wusste, was er vorhatte.
Er wusste, warum zwei Stunden wichtig waren.
Also ergänzte sein Gehirn beim Lesen automatisch alles, was im Satz fehlte.
Und deshalb bemerkte er überhaupt nicht…
…dass er es mir nie gesagt hatte.
Oh.
Das war etwas anderes.
Denn plötzlich ging es gar nicht mehr darum, dass jemand schlecht erklärt.
Das passiert uns vermutlich allen.
Wir verschicken nämlich nicht nur Informationen.
Wir verschicken Informationen mit einem unsichtbaren Anhang.
Und dieser Anhang befindet sich in unserem Kopf.
Das Dumme ist nur:
Der wird nicht mitgesendet.
Ich fand das ziemlich gemein.
Denn wenn ich einen Satz schreibe und ihn danach kontrolliere, lese ich ihn mit meinem Wissen.
Natürlich ergibt er Sinn!
Ich weiss ja, was ich meine.
Der Empfänger liest aber denselben Satz ohne dieses Wissen.
Und bekommt vielleicht etwas völlig anderes.
Oder gar nichts.
Und dann passiert der nächste Fehler.
Der Empfänger fragt nach.
Und der Sender denkt:
"Was ist daran denn nicht zu verstehen?"
Dabei müsste die Frage eigentlich lauten:
"Was davon habe ich nur gedacht – und was davon habe ich tatsächlich gesagt?"
…
Das sass.
Denn plötzlich erinnerte ich mich an ziemlich viele Gespräche.
"Hilde, bringst du mir das Ding?"
"Welches Ding?"
"Na DAS!"
"Was?"
"Das von vorher!"
"Winnie!"
Damals war ich überzeugt, Hilde stelle sich absichtlich etwas schwierig an.
Heute muss ich möglicherweise einräumen:
Meine Beschreibung hatte gewisse Optimierungsmöglichkeiten.
Ich hatte nämlich vollkommen vergessen:
Hilde besitzt meinen Kopf nicht.
Was grundsätzlich gut ist.
Ich brauche ihn selber.
Meistens.
Also ging ich zu Gerry.
Der hat ein ganzes Buch über Kommunikation geschrieben.
Ich erzählte ihm von meiner sensationellen Entdeckung.
Dass Menschen beim Kommunizieren Informationen voraussetzen, die nur in ihrem eigenen Kopf vorhanden sind.
Gerry schaute mich an.
Dann zeigte er auf sein Buch.
"Steht da drin."
"Das?"
"Ja."
"Mit dem unsichtbaren Anhang?"
"Nicht ganz so."
Ich nahm das Buch.
Blätterte darin.
Und plötzlich verstand ich, warum man über Kommunikation tatsächlich ein ganzes Buch schreiben kann.
Denn vielleicht besteht gute Kommunikation gar nicht hauptsächlich darin, die richtigen Worte zu finden.
Vielleicht beginnt sie viel früher.
Mit der Fähigkeit, für einen Moment den eigenen Kopf zu verlassen und sich zu fragen:
Was weiss mein Gegenüber eigentlich?
Was weiss nur ich?
Und:
Welche Information fehlt ihm, damit meine Worte für ihn dasselbe bedeuten wie für mich?
Das klingt einfach.
Ist es aber nicht.
Denn ausgerechnet die Informationen, die für uns selbstverständlich sind…
…sind diejenigen, bei denen wir am wenigsten merken, dass wir sie nicht gesagt haben.
Aso…
…ich habe daraus etwas gelernt.
Bevor ich künftig eine wichtige Nachricht abschicke, werde ich sie noch einmal lesen.
Aber nicht mit der Frage:
"Verstehe ich, was ich meine?"
Das wäre ziemlich sinnlos.
Natürlich verstehe ich mich.
Sondern mit einer anderen:
"Könnte jemand, der nur diese Worte kennt und sonst nichts, verstehen, was ich meine?"
Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen…
etwas sagen
und
etwas verständlich machen.
PS:
Ich habe danach Hilde gefragt:
"Kannst du mir das Ding vom Tisch bringen?"
Sie fragte:
"Welches Ding?"
Ich wollte gerade sagen:
"Na das Ding!"
Dann erinnerte ich mich an Möbi.
"Den Karottenkeks auf dem kleinen Beistelltisch neben dem Sessel."
Hilde brachte ihn mir.
Ohne Rückfrage.
Ich war beeindruckt.
Winnie out.
PPS:
Kommunikation funktioniert!
PPPS:
Gerrys Buch liegt jetzt trotzdem auf meinem Beistelltisch.
Offenbar gibt es noch mehr davon.
Das finde ich beunruhigend.
PPPPS:
Mir ist übrigens noch etwas aufgefallen.
Der Absender muss sich bei der Mailadresse vertippt haben.
Schnuberhausen liegt nämlich in einer anderen Galaxie.
Und ich besitze überhaupt kein Raumschiff.
Also…
…ich habe sicherheitshalber trotzdem zurückgeschrieben.
Man soll bei der Kommunikation schliesslich keine wichtigen Informationen einfach voraussetzen.
Du möchtest mir etwas erzählen? Ich freue mich auf deine Nachricht!
✉ Schreib Winnie!